Jesum Habemus Socium

Menschen lernst du kennen, um sie zu lieben, Jesus liebst du, um Ihn kennenzulernen.

Humanismus Manifest III

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Internationale Humanistische Akademie

Humanistisches Manifest III

Der Ruf nach einem neuen globalen Humanismus

(Humanist Manifesto III – A Call for a New Planetary Humanism  – Copyright © 1999 by
the International Academy of Humanism, PO Box 664, Amherst NY 14226- 1195 0664, U.S.A)

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Original-Link für die deutsche Übesetzung
Humanistischer Verband Nord-Rhein Westfalen
http://alt.hvd-nrw.de/wirueberuns/hsv/Manifest_203.pdf

In gedruckter Form ist das Manifest in der „Zeitschrift für Kultur und Weltanschauung“ – Heft 5: Geschlechterbeziehungen: Abtreibungsfrage, Sloterdeijk-Debatte, Als Feministin geboren? Väter im Osten, Medienfrauenbild, Diderot, Freireligiöse 1933/34, Humanistisches Manifest III, Christliche Grundlagen der Menschenrechte?   Humanitas Verlag Dortmund, Art.-Nr.: ZKW0005 – erschienen.

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I. Präambel

1 Humanismus

2 Der Humanismus ist eine ethische, wissenschaftliche und philosophische Lebensanschau-
3 ung, die die Welt verändert hat. Seine Wurzeln reichen bis zu den Philosophen und Dich-
4 tern des alten Griechenlands und des antiken Roms sowie des konfuzianischen Chinas und
5 der Carvaka-Bewegung im klassischen Indien zurück. Humanistische Künstler, Schriftsteller,
6 Wissenschaftler und Denker haben das moderne Zeitalter mehr als ein halbes Jahrtausend
7 geprägt. Tatsächlich schienen die Begriffe Humanismus und Modernismus häufig als Syn-
8 onyme verwendet zu werden, denn humanistische Vorstellungen und Werte drücken ein
9 wiedererlangtes Vertrauen in die Kraft der Menschen aus, ihre Probleme eigenständig zu
10 lösen und unbekannte Grenzen zu überwinden.

11 Der moderne Humanismus nahm seinen Ausgang in der Renaissance. Er führte zur Ent-
12 wicklung der modernen Wissenschaft. Während der Aufklärung regte er neue Ideale von
13 sozialer Gerechtigkeit an und löste die demokratischen Revolutionen unserer Zeit aus. Der
14 Humanismus hat zum Entwurf einer neuen ethischen Auffassung beigetragen, in deren
15 Mittelpunkt die Werte von Freiheit und Glück sowie von allgemeinen Menschenrechten
16 stehen.

17 Die Unterzeichner dieses Manifests glauben, dass der Humanismus den Menschen jetzt, da
18 wir uns den Problemen des 21. Jahrhunderts und darüber hinaus des neuen Jahrtausends
19 stellen müssen, einiges zu bieten hat. Viele der der Menschheit überlieferten alten Vorstel-
20 lungen und Traditionen werden den heutigen Gegebenheiten und zukünftigen Möglich-
21 keiten nicht mehr gerecht. Wir müssen umdenken, wenn wir der sich entwickelnden glo-
22 balen Gesellschaft gewachsen sein wollen, und Umdenken ist das Merkmal des Humanis-
23 mus. Aus diesem Grund stellen wir das Humanistische Manifest III – Der Ruf nach einem
24 neuen globalen Humanismus vor.

25 Die nachstehenden Empfehlungen werden in aller Bescheidenheit, aber dennoch in der
26 Überzeugung ausgesprochen, dass sie zu einem Dialog zwischen den verschiedenen kul-
27 turellen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Standpunkten in der Welt beitragen
28 können. Obwohl wir, die Unterzeichner dieses Dokuments, gemeinsame Prinzipien und
29 Werte teilen, sind wir bereit, unsere Meinungen angesichts neuer Erkenntnisse, geänderter
30 Umstände und unvorhergesehener Probleme zu revidieren. Es ist unmöglich, ein bleibendes
31 Manifest zu verfassen, aber es ist zweckmäßig und weise, eine für Änderunderungen offene
32 Arbeitsunterlage zu schaffen.

34 Gegenwartsbezogene Vorbemerkung

35 Im 20. Jahrhundert wurden bereits vier bedeutende humanistische Manifeste und Erklä-
36 rungen herausgegeben: Humanistisches Manifest I (Humanist Manifesto I), Humanistisches
37 Manifest II (Humanist Manifesto II), Eine säkulare humanistische Erklärung (A Secular Hu-
38 manistDeclaration) und Eine Erklärung über die gegenseitige Abhängigkeit (A Declaration
39 of Interdependence).

40 Das Humanistische Manifest I erschien 1933 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise.
41 In diesem von 34 amerikanischen Humanisten (unter ihnen der Philosoph John Dewey)
42 unterzeichneten Dokument fanden die Sorgen und Nöte jener Zeit ihren Niederschlag. Es
43 empfahl zum einen eine Art von nicht theistischem, religiösem Humanismus als Alternative
44 zu den überkommenen Religionen und zum anderen eine nationale Wirtschafts- und Sozi-
45 alplanung.

46 Das Humanistische Manifest II wurde 1973 veröffentlicht und beschäftigte sich mit den
47 weltgeschichtlichen Ereignissen seit 1933: dem Aufstieg des Faschismus und seiner Über-
48 windung im 2. Weltkrieg, dem zunehmenden Einfluss und der immer stärker werdenden
49 Macht des Marxismus-Leninismus und des Maoismus, dem Kalten Krieg, dem Wirtschafts-
50 aufschwung der Nachkriegszeit in Europa und Amerika, der Entkolonialisierung großer Ge-
51 biete auf der Welt, der Gründung der Vereinten Nationen, der sexuellen Revolution, dem
52 Wachstum der Frauenbewegung, der Forderung von Minderheiten nach Gleichberechti-
53 gung und dem Aufkommen studentischer Macht an den Universitäten.
54 Dieses Manifest lieferte umfangreichen Gesprächsstoff. Es war von vielen großen Theoreti-
55 kern und Pragmatikern in der ganzen Welt unterzeichnet, u.a. von Andrej Sacharow (be-
56 rühmter sowjetischer Dissident), Julian Huxley (ehemaliger Präsident der UNESCO), Sidney
57 Hook,Betty Friedan,Gunnar Myrdal, Jacques Monod, Francis Crick, Margaret Knight, Ja-
58 mes Farmer, Allan Guttmacher, Ritchie Calder und A. Philip Randolph. Das Manifest stritt
59 für die weltweite Wahrung der Menschenrechte und trat für die Reisefreiheit ein, zu einer
60 Zeit, als diese den Menschen hinter dem Eisernen Vorhang versagt blieb. Viele marxistische
61 Humanisten in Osteuropa hatten den totalitären Dirigismus heftig kritisiert und hießen nun
62 eine Verteidigungsschrift für Demokratie und Menschenrechte willkommen.

63 Das Humanistische Manifest II rechtfertigte nicht länger die Planwirtschaft, sondern fragte
64 nach alternativen Wirtschaftssystemen. Auf diese Weise wurde es sowohl von Liberalen und
65 wirtschaftlichenIndeterministen unterstützt, die einen freien Markt verfochten, als auch
66 von Sozialdemokraten und demokratischen Sozialisten, die glaubten, dass der Staat in der
67 Wohlfahrtsgesellschaft eine wesentliche Rolle zu spielen habe. Das Manifest war bemüht,
68 Wirtschaftssysteme zu demokratisieren und daraufhin zu überprüfen, ob sie das wirtschaft-
69 liche Wohlergehen aller Einzelpersonen und Gruppen förderten oder nicht.

70 Das Humanistische Manifest II wurde geschrieben, als uns eine neue moralische Revolution
71 bevorzustehen schien: es sprach sich für Geburtenkontrolle, Abtreibung, Scheidung, sexu-
72 elle Freiheit zwischen mündigen Erwachsenen und Sterbehilfe aus. Es war bestrebt, die
73 Rechte von Minderheiten, Frauen, alten Menschen, missbrauchten Kindern und Benachtei-
74 ligten zu schützen. Es trat für Toleranz gegenüber alternativen Lebensstilen und die friedli-
75 che Ausräumung von Streitigkeiten ein, und es missbilligte das Gegeneinander von Rassen,
76 Religionen und Klassen. Es forderte das Ende von Terror und Hass. Das Manifest entstand
77 noch unter dem Einfluss des 2. Vatikanischen Konzils, dass um eine Liberalisierung der rö-
78 misch-katholischen Kirche bemüht gewesen war. Das Humanistische Manifest II ließ sowohl
79 für einen naturalistisch geprägten als auch für einen liberal-religiösen Humanismus Raum.
80 Die Zukunftsaussichten für die Menschheit sah es optimistisch. Es betonte den positiven
81 Beitrag von Wissenschaft und Technik zum Wohle der Menschen und prophezeite, dass
82 das 21. Jahrhundert das humanistische Jahrhundert werden könnte.

83 Im Jahr 1980 wurde Eine säkulare humanistische Erklärung herausgegeben, denn der Hu-
84 manismus und insbesondere das Humanistische Manifest II waren scharf kritisiert worden,
85 vor allem von fundamentalistischen religiösen und rechten politischen Kräften in den Verei-
86 nigten Staaten. Viele dieser Kritiker behaupteten, der säkulare Humanismus sei eine Religi-
87 on. Ihrer Ansicht nach verletze das Lehren des säkularen Humanismus in den Schulen den
88 Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat und begründe eine neue Religion. Die Erklä-
89 rung hielt den Kritikern entgegen, dass der säkulare Humanismus eine Reihe von morali-
90 schen Werten enthalte sowie eine nicht theistische philosophische und wissenschaftliche
91 Position beziehe, die nicht mit religiösem Glauben gleichgesetzt werden könne. Das Lehren
92 der säkularen humanistischen Weltanschauung war keineswegs eine Verletzung des Tren-
93 nungsgrundsatzes. Diese Lehre verteidigte vielmehr die demokratische Vorstellung, dass der
94 säkulare Staat sich hinsichtlich religiöser Angelegenheiten neutral zu verhalten habe.

95 Im Jahr 1988 gab die Internationale Akademie für Humanismus (International Academyof
96 Humanism) noch ein viertes Dokument heraus, nämlich Eine Erklärung über die gegenseiti-
97 ge Abhängigkeit, in der eine neue globale Ethik und die Bildung einer Weltgemeinschaft
98 gefordert werden, die angesichts der rasch entstehenden globalen Institutionen immer
99 notwendiger würden.

100

101 Warum ein globaler Humanismus?

102 Obwohl die Inhalte dieser früheren Manifeste und Erklärungen größtenteils immer noch
103 Gültigkeit haben, erscheint zu einem Zeitpunkt, wo die Welt an der Schwelle zu einem
104 neuen Jahrtausend steht, auch ein neues Manifest erforderlich. Seit den vorangegangenen
105 Manifesten haben wir uns, trotz großer Fortschritte, neuen Herausforderungen stellen
106 müssen: In der Sowjetunion und in Osteuropa brach der totalitäre Kommunismus zusam-
107 men, und die während des Kalten Krieges bestehenden beiden Machtblöcke haben sich
108 weitgehend aufgelöst. In einigen Teilen der Erde gab es Bestrebungen für mehr Demokra-
109 tie, auch wenn es vielen Ländern weiterhin an wirksamen demokratischen Institutionen
110 mangelt. Darüber hinaus hat die Weltwirtschaft einen noch globaleren Charakter erhalten.
111 Internationale Konglomerate haben sich zusammengeschlossen und sind länderübergrei-
112 fend sowie in gewissem Sinne mächtiger als viele Staaten der Erde geworden. Russland,
113 China und andere Länder haben versucht, auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Kein Land
114 kann seine wirtschaftliche Zukunft unabhängig vom Welthandel in die eigene Hand neh-
115 men. Diese grundlegenden Veränderungen sind in großem Maßstab zu beobachten, und
116 zwar aufgrund des beschleunigten Wachstums in den Bereichen Wissenschaft und Technik,
117 insbesondere aber wegen der Revolution auf dem Gebiet der Informationstechnik, die zu
118 einem weltweiten wirtschaftlichen und kulturellen Kommunikationsnetz geführt hat. Man
119 könnte mit Recht behaupten, dass die Veränderungen, die die Welt seit dem Humanisti-
120 schen Manifest II (1973) erfahren hat, so groß bzw. noch bedeutender sind als die durch
121 die industrielle Revolution vor zweihundert Jahren oder die Erfindung des Buchdrucks mit
122 beweglichen Lettern durch Gutenberg erfolgten Umwälzungen. Die Auswirkungen auf un-
123 ser Leben werden weiterhin gewaltig sein.

124 Noch heute, wo die Welt zu einer globalen Familie zusammenwächst, spalten ethnisch-
125 religiös motivierte Rivalitäten ganze Regionen in sich bekämpfende Parteien. Fundamentali-
126 stische Religionen, die Grundsätze von Humanismus und Säkularismus missachtend und die
127 Rückkehr zur Religiosität eines prämodernen Zeitalters fordernd, erlebten eine neue Blüte-
128 zeit. So genannte New-Age-Religionen mit paranormalem Hintergrund entstanden eben-
129 falls, unterstützt von den eine spirituelle/paranormale Wirklichkeitsanschauung fördernden
130 Massenmedien. Die Medien wurden globalisiert. Fernsehen, Kino, Rundfunk sowie Buch-
131 und Zeitschriftenverlage werden von Medienkonglomeraten beherrscht, die fast nur mit
132 Werbung und dem Verkauf ihrer Produkte auf dem Weltmarkt beschäftigt sind. Darüber
133 hinaus ist an vielen Hochschulen der Postmodernismus aufgetaucht, der die grundlegenden
134 Postulate des Modernismus und des Humanismus in Frage stellt, Wissenschaft und Technik
135 angreift und humanistische Ideale und Wertvorstellungen hinterfragt. Viele Zukunftspro-
136 gnosen der heutigen Zeit zeichnen ein pessimistisches, ja sogar apokalyptisches Bild, aber
137 dagegen erheben wir Einspruch, denn wir glauben, dass es möglich ist, eine bessere Welt zu schaffen.
138 Die Gegebenheiten der globalen Gesellschaft sind dergestalt,dass nur ein
139 neuer
140 globaler Humanismus richtungsweisende Akzente für die Zukunft setzen kann.

141
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II. Aussichten für eine bessere Zukunft

143 Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verfügen wir – dank Wissenschaft und
144 Technik – über die Mittel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern, Glück und
145 Freiheit zu fördern und die Lebenserwartung aller Menschen auf unserem Planeten zu er-
146 höhen. Viele Menschen, die über das neue Jahrtausend sprechen, haben Angst vor dem,
147 was kommt. Viele verbreiten mit der Vorhersage angeblich bevorstehender Katastrophen
148 Weltuntergangsstimmung, ob nun im religiösen oder dem säkularen Bereich. Pessimisten
149 weisen auf die brutalen Kriege des 20. Jahrhunderts hin und warnen vor neuen Formen
150 von Terrorismus und Unruhen, die im nächsten Jahrhundert über die Menschheit herein-
151 brechen können.

152 Wir glauben, dass eine optimistischere und realistischere Beurteilung der Aussichten für das
153 21. Jahrhundert gerechtfertigt ist. Wir möchten betonen, dass das 20. Jahrhundert – trotz
154 politischer, militärischer und sozialer Unruhen – eine Reihe nützlicher Errungenschaften
155 aufzuweisen hat. Mögen die Neinsager auch enttäuscht sein, aber Wohlstand, Frieden,
156 verbesserte Gesundheit und erhöhter Lebensstandard sind eine Realität – und das wird
157 vermutlich so bleiben. Diesen großartigen technologischen, wissenschaftlichen und sozia-
158 len Errungenschaften wurde häufig keine Beachtung geschenkt. Obwohl sie vornehmlich
159 auf die hochentwickelten Länder zutreffen, sind ihre positiven Auswirkungen heute prak-
160 tisch überall spürbar. Nachstehend einige Beispiele:

161 Die wissenschaftliche Medizin hat die Gesundheit enorm verbessert. Sie hat Schmerzen und
162 Leid gelindert und die Lebenserwartung erhöht. Die Entdeckung von Antibiotika und die
163 Entwicklung von Impfstoffen sowie moderne Techniken der Chirurgie, Anästhesie, Pharma-
164 kologie und Biogenetik haben alle zu diesen Fortschritten in der Gesundheitsfürsorge bei-
165 getragen.

166 Weitsichtige Maßnahmen im öffentlichen Gesundheitswesen sowie verbesserte Wasserver-
167 sorgung und Abwasserbeseitigung haben die Häufigkeit ansteckender Krankheiten dra-
168 stisch reduziert. In großem Umfang angewendete therapeutische Heilmittel haben die Kin-
169 dersterblichkeit erheblich abnehmen lassen.

170 Die Grüne Revolution hat in vielen Teilen der Welt die Nahrungsmittelerzeugung verändert
171 und die Ernteerträge erhöht, den Hunger verringert und die Ernährungssituation verbessert.
172 Moderne Verfahren der Massenproduktion haben die Produktivität gesteigert, die körperli-
173 che Belastung der Arbeiter erheblich verringert und die Inanspruchnahme segensreicher
174 Verbrauchsgüter und Dienstleistungen ermöglicht.

175 Neue Beförderungsarten haben Entfernungen verringert und Gesellschaftsordnungen ver-
176 ändert. Auto und Flugzeug haben es den Menschen ermöglicht, Kontinente zu überqueren
177 und geographisch bedingte Isolationen zu überwinden. Die Raumfahrtwissenschaft hat der
178 Menschheit das aufregende Abenteuer der Weltraumerforschung beschert.

179 Technologische Entdeckungen haben weltweit die Entwicklung neuer Kommunikationsar-
180 ten erheblich beschleunigt. Neben Telefon, Fax, Radio, Fernsehen und Satellitenübertra-
181 gung hat die Computertechnologie alle Aspekte des sozialökonomischen Lebens nachhaltig
182 verändert. Kein Büro oder Haushalt in den hochentwickelten Ländern ist von der Revolution
183 auf dem Gebiet der Informationstechnik unberührt geblieben. Das Internet und das World
184 Wide Web haben die direkte Kommunikation fast überall auf der Welt möglich gemacht.

185 Die wissenschaftliche Forschung hat unsere Kenntnisse über das Universum und den Platz
186 der Menschheit darin erweitert. Der menschliche Forschungsdrang kann nun immer weiter
187 fortschreiten und findet seine Ergebnisse durch Wissenschaft und Vernunft bestätigt,
188 Vergangenheit nur
189 wenig oder gar nicht weitergekommen sind. Die Entdeckungen der Astronomie, der Physik,
190 der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik haben uns das Weltall – von den Mikro-
191 partikeln bis zu den Galaxien – verständlicher gemacht. Biologie und Genetik haben zu un-
192 serem Wissen über die Biosphäre beigetragen. Darwins aus dem 19. Jahrhundert stam-
193 mende Theorie der natürlichen Auslese hat uns die Evolution des Lebens begreifen lassen.
194 Die Entdeckungen der DNA und der Molekularbiologie enthüllen immer weitere Mecha-
195 nismen der Evolution und des Lebens selbst. Die Verhaltens- und Gesellschaftswissen-
196 schaften haben unsere Kenntnisse über soziale und politische Institutionen, die Wirtschaft
197 und die Kultur vertieft.

198 Im 20. Jahrhundert kam es darüber hinaus auch zu vielen positiven gesellschaftlichen und
199 politischen Entwicklungen, die für die Zukunft Gutes ahnen lassen: Die Kolonialmächte des
200 19. Jahrhunderts sind gänzlich verschwunden. Die Bedrohung durch den Totalitarismus
201 besteht nicht mehr.

202 Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wird nun von den meisten Staaten der Welt
203 (theoretisch, wenn auch nicht praktisch) akzeptiert. Die Ideale von Demokratie, Freiheit und
204 offener Gesellschaft haben sich bis nach Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika aus-
205 gebreitet. In vielen Ländern sind die Frauen nun selbstbestimmt, genießen juristische sowie
206 soziale Rechte und haben in vielen Bereichen menschlichen Unternehmungsgeistes ihren
207 Platz gefunden.

208 Da die Volkswirtschaften einen globalen Charakter erhalten haben, hat sich der wirtschaft-
209 liche Wohlstand von Europa und Nordamerika aus auf andere Teile der Welt ausgedehnt.
210 Freie Märkte und unternehmerische Methoden haben unterentwickelte Gebiete für Investi-
211 tionen und Entwicklung geöffnet. Das Problem des Bevölkerungswachstums wurde in den
212 reichen Ländern Europas und Nordamerikas gelöst. In vielen Gebieten der Erde wächst die
213 Bevölkerung nicht wegen der Geburtenrate, sondern aufgrund der abnehmenden Sterbe-
214 rate und der erhöhten Lebenserwartung – eine positive Entwicklung. Verbesserte Erziehung
215 und Bildung, die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben sowie kulturelle Bereicherung werden
216 für immer mehr Kinder auf der Welt zugänglich – aber es muss noch viel mehr getan wer-
217 den.

218 Trotz dieser Durchbrüche müssen wir uns den ernsten wirtschaftlichen, sozialen und politi-
219 schen Problemen, denen sich die Welt noch gegenübersieht, offen stellen. Die Weltunter-
220 gangspropheten sind pessimistisch; die Schwarzseher sagen Unheil und Katastrophen vor-
221 her. Wir antworten darauf, dass unsere Probleme nur durch das Zusammenspiel von Ver-
222 nunft, Wissenschaft und menschlicher Anstrengung gelöst werden können.

223 Die Menschen in vielen Teilen der Welt kommen immer noch nicht in den Genuss des
224 Wohlstands; sie siechen weiter in Armut, Hunger und Krankheit dahin, insbesondere in den
225 Entwicklungsländern, in Asien, Afrika sowie Mittel- und Südamerika. Millionen von Kindern
226 und Erwachsenen leben am Existenzminimum. Es mangelt ihnen an Nahrungsmitteln, Hy-
227 giene und Gesundheit. Das gilt auch für viele Menschen in den so genannten Wohlstands-
228 gesellschaften.

229 Die Bevölkerung nimmt in vielen Teilen der Welt weiterhin jährlich um drei Prozent zu. Im
230 Jahr 1900 wurde die Weltbevölkerung auf 1,7 Milliarden Menschen geschätzt. Um das
231 Jahr 2000 wird sie die 6-Milliarden-Grenze überschreiten. Setzen sich die derzeitigen de-
232 mographischen Trends fort, werden in den nächsten 50 Jahren weitere drei Milliarden hin-
233 zukommen. Wächst die Bevölkerung in dem prognostizierten Umfang an, wird das
234 zu einem drasti-
235 schen Rückgang der verfügbaren Getreideanbaugebiete führen, die sich bis zum Jahr 2050
236 in vielen Ländern (vor allem in Indien, Pakistan, Äthiopien, Nigeria und im Iran) auf einen
237 Viertelmorgen pro Person verringert haben können. Die Süßwasserversorgung für die Be-
238 wässerung der Felder ist bereits überbeansprucht, so dass die Ernteerträge abnehmen; viele
239 Flüsse in der Welt beginnen auszutrocknen (dazu gehören der Nil, der Colorado und der
240 Gelbe Fluss in China).

241 In dem Maße wie sich die Weltbevölkerung vermehrt hat und die industrielle Entwicklung
242 beschleunigt wurde, sind Regenwälder und Waldgebiete zerstört worden. Jährlich ver-
243 schwinden schätzungsweise zwei Prozent der Wälder auf der Erde. Diese Quote wird sich
244 fortsetzen, wenn keine Vorsorgemaßnahmen getroffen werden.

245 Die globale Erwärmung nimmt wahrscheinlich zu, teilweise infolge der Abholzung in ar-
246 men Ländern und aufgrund des Kohlenmonoxidausstoßes in den reichen Ländern, die
247 weiterhin natürliche Ressourcen vergeuden. Der Durchschnittsbürger in den Vereinigten
248 Staaten und anderen westlichen Ländern verbraucht und verschmutzt schätzungsweise
249 vierzig- bis sechzigmal so viel wie der Durchschnittsbürger in einem Entwicklungsland. Ver-
250 schwenderischer Verbrauch wird häufig von wachstumsorientierten Firmen gefördert, die
251 sich wenig um den ökologischen „Fallout“ scheren. – Die Populationen anderer Arten ha-
252 ben ständig abgenommen und viele pflanzliche sowie tierische Lebensformen sind von der
253 Ausrottung – vielleicht der größten seit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen
254 Jahren – bedroht.

255 Viele Regierungen in der Welt sehen sich ernsten wirtschaftlichen Problemen gegenüber,
256 da ihre Städte von Landflüchtigen überflutet werden, von denen die Mehrzahl arbeitslos ist
257 und sich kaum ernähren kann. Arbeitslosigkeit bleibt auch ein großes Problem in den rei-
258 chen Ländern Europas, die es versäumen, Perspektiven für Nachwuchskräfte zu bieten,
259 technische Umrüstungen durchzuführen, Arbeitnehmer umzuschulen oder Arbeitsplätze
260 für sie zu finden.

261 Umfangreiche Vereinbarungen über den Umgang mit den der Menschheit weltweit bevor-
262 stehenden sozialen und umweltspezifischen Problemen wurden in mehreren wichtigen in-
263 ternationalen Konferenzen getroffen, aber die Regierungen hielten sich nicht an die von
264 ihnen eingegangenen Verpflichtungen; nur wenige reichere Staaten räumen der Unterstüt-
265 zung der armen Mehrheit oder sogar der in ihren eigenen Ländern am Rande der Gesell-
266 schaft Lebenden Vordringlichkeit ein.

267 In vielen Ländern ist die Demokratie nur schwach ausgeprägt oder besteht überhaupt nicht.
268 Zu häufig werden die freie Presse mundtot gemacht und Wahlen hintertrieben. Die Ableh-
269 nung der Frauengleichberechtigung ist in vielen Ländern der Erde noch allgemein üblich.
270 Viele der ehemaligen Kolonialgebiete sind dem wirtschaftlichen Niedergang anheim gefal-
271 len.

272 Einst für besiegt gehaltene Krankheiten wie Tuberkulose und Malaria sind wieder auf dem
273 Vormarsch, während die Zahl der HIV-infizierten und an Aids erkrankten Menschen in vie-
274 len Entwicklungsländern unkontrolliert ansteigt.

275 Obwohl die Welt nicht mehr aus zwei Supermachtblöcken besteht, hat die Menschheit
276 immer noch das Potential, sich selbst zu vernichten. Fanatische Terroristen, übelwollende
277 Staaten oder sogar die Großmächte selbst können durch die Entfesselung von Massenver-
278 nichtungswaffen unbeabsichtigt apokalyptische Ereignisse auslösen. Der in einigen Kreisen
279 gehegte Glaube, dass der freie Markt alle sozialen Probleme löst,
280 bleibt ein frommer Wunsch. Das Abwägen der Bedürfnisse des freien Marktes gegen die
281 Notwendigkeit gerechter Sozialprogramme zur Unterstützung der Benachteiligten und
282 Verarmten bleibt in vielen Ländern der Erde eine ungelöste Aufgabe.

283 Wir geben zu, dass es sich hierbei um schwerwiegende Probleme handelt, und wir müssen
284 geeignete Maßnahmen zu ihrer Lösung ergreifen. Wir glauben, dass sie nur mit kritischer
285 Intelligenz und gemeinsamen Anstrengungen gemeistert werden können. Die Menschheit
286 hat auch in der Vergangenheit Herausforderungen ins Auge gesehen, denen sie standge-
287 halten oder die sie sogar überwunden hat. Die sich abzeichnenden Probleme sind vielleicht
288 nicht größer als die, denen sich unsere Vorfahren gegenübersahen.

289 Es gibt auch noch andere gefährliche Tendenzen in der Welt, die nur unzureichend erkannt
290 werden. Unsere Besorgnis gilt insbesondere den der Wissenschaft und der Moderne feind-
291 lich gesinnten Tendenzen. Dazu zählen auch das Lautwerden schriller fundamentalistischer
292 Stimmen sowie die Fortdauer von Bigotterie und Intoleranz, ob nun religiösen, politischen
293 oderstammesgeschichtlichen Ursprungs. In vielen Teilen der Welt sind es die gleichen
294 Kräfte, die sich den Bemühungen um eine Lösung der sozialen Probleme oder eine Verbes-
295 serung der menschlichen Lebensumstände widersetzen: Das Bestehen überkommener spi-
296 ritueller Ansichten fördert häufig ein unrealistisches, wirklichkeitsfliehendes und jenseitiges
297 Herangehen an soziale Probleme, verteufelt die Wissenschaften und verteidigt allzu oft ar-
298 chaische gesellschaftliche Institutionen.

299 Viele religiöse und politische Gruppierungen bekämpfen die Empfängnisverhütung oder die
300 Finanzierung von Programmen zur Reduzierung der Geburten und zur Stabilisierung des
301 Bevölkerungswachstums. Auf diese Weise werden die wirtschaftliche Entwicklung und die
302 Verringerung der Armut behindert. – Viele dieser Kräfte lehnen auch die Emanzipation der
303 Frau ab und möchten sie weiterhin als Dienerin des Mannes sehen.

304 Die Welt wurde in zunehmendem Maße Zeuge erbitterter ethnischer Konflikte und ver-
305 stärkterStammesrivalitäten. Über die religiösen Aspekte dieser Auseinandersetzungen wird
306 meistens nicht berichtet: in Jugoslawien bestehen die Konflikte zwischen serbisch-
307 orthodoxen Christen, kroatischen Katholiken und Moslems (in Bosnien und im Kosovo), in
308 Israel und Palästina zwischen orthodoxen Juden und Moslems, in Nordirland zwischen
309 Protestanten und Katholiken, in Sri Lanka zwischen tamilischen Hindus und singalesischen
310 Buddhisten, im Pandschab und in Kaschmir zwischen Hindus, Moslems und Sikhs, in Ost-
311 timor zwischen Christen und Moslems. Die Weltöffentlichkeit ist mit Recht beunruhigt we-
312 gen des zunehmenden Terrors und Völkermordes, die wieder einmal zu häufig von ethni-
313 schen Nationalisten oder religiösen Chauvinisten entflammt werden.

314 Der multikulturelle Standpunkt tritt für die Tolerierung von verschiedenen ethnischen und
315 kulturellen Traditionen sowie für die Anerkennung ihrer Existenzberechtigung ein, aber wir
316 haben auch einen gesellschaftlichen Bruch erlebt und den Ruf nach Trennung und Isolie-
317 rung vernommen, ironischerweise in einer Zeit, als die rassistischen Nazi-Doktrinen und die
318 Apartheid in Südafrika gänzlich verworfen worden sind. Intoleranz hat zu ethnischen Säu-
319 berungen und anderen schlimmen Manifestationen von Rassenhass geführt.

320 In vielen westlichen Ländern ist eine so genannte postmodernistische Ideologie entstanden,
321 die die Objektivität der Wissenschaft bestreitet, die Verwendung moderner Technologien
322 beklagt sowie Menschenrechte und Demokratie angreift. Einige Formen des Postmoder-
323 nismus empfehlen Defätismus; bestenfalls bieten sie kein Programm zur Lösung der Welt-
324 probleme; schlimmstenfalls leugnen sie, dass Lösungen überhaupt möglich oder erreichbar
325 sind. Die Auswirkungen dieser philosophisch-literarischen Bewegung sind kontraproduktiv,
326 befindet, denn
327 die Wissenschaft liefert ziemlich konkrete Anhaltspunkte für die Beurteilung ihres Wahr-
328 heitsanspruchs. Die Sprache der Wissenschaft ist tatsächlich zu einer Universalsprache ge-
329 worden, die alle Männer und Frauen, unabhängig von deren kulturellem Hintergrund, an-
330 spricht.

331 Wir halten das Aufzeigen eines alternativen Zukunftsbilds für erforderlich. Führende Kräfte
332 aus Politik und Wirtschaft müssen kurzsichtige Vorgehensweisen aufgeben und voraus-
333 schauende Planungen unterstützen. Nur allzu oft ignorieren diese Kräfte die besten Rat-
334 schläge von Wissenschaftlern und Humanisten und gründen ihre Politik auf bevorstehende
335 Wahlen oder die nächste vierteljährliche Gewinn- und Verlustrechnung. Die politischen
336 Führer dürfen sich nicht nur mit den unmittelbaren wirtschaftlichen oder politischen Gege-
337 benheiten befassen, sondern müssen ihre Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse des gesam-
338 ten Planeten und eine dauerhafte Zukunft für die Menschheit richten.

339 Der globale Humanismus ist bestrebt, langfristig erreichbare Ziele zu empfehlen. Das ist
340 einer der Hauptunterschiede zwischen dem Humanismus und einer prämodernen, religiös
341 fundierten Ethik. Der Humanismus formuliert mutige neue Vorstellungen von der Zukunft
342 und setzt Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen, ihre Probleme mit rationalen Mitteln
343 und einer positiven Lebensauffassung zu lösen.

344 Die Gedanken der Aufklärung im 18. Jahrhundert, die dieses Manifest angeregt haben,
345 waren ohne Zweifel Ausdruck ihrer Zeit. Ihre Auffassung der Vernunft als Absolut und nicht
346 als zögerndes und fehlbares, menschlichen Zwecken dienendes Instrument war zwar über-
347 trieben, aber die in diesen Gedanken verborgene Überzeugung, dass Wissenschaft, Ver-
348 nunft, Demokratie, Bildung und humanistische Werte einen positiven Beitrag zur Fortent-
349 wicklung der Menschheit leisten können, stößt auch heute noch auf breite Zustimmung.

350 Der in dem vorliegenden Manifest beschriebene globale Humanismus ist seiner Weltan-
351 schauung nach post-postmodernistisch. Er hält an den höchsten Werten der modernen Zeit
352 fest, ist darüber hinaus bemüht, die Negativität des Postmodernismus zu überwinden und
353 sieht dem kommenden Informationszeitalter sowie allem, was dieses der Menschheit zu-
354 künftig bringt, erwartungsvoll entgegen.
355

III. Wissenschaftlicher Naturalismus

356

357 Das einzigartige Anliegen des Humanismus in unserer Welt ist die Bindung an den wissen-
358 schaftlichen Naturalismus. Die meisten der heute üblichen Sichtweisen von der Welt sind
359 spirituell, mystisch oder theologisch geprägt. Sie haben ihren Ursprung in den alten vor-
360 urbanen,nomadisierenden Agrargesellschaften der Vergangenheit und nicht in der im Ent-
361 stehen begriffenen modernen industriellen bzw. postindustriellen globalen Informations-
362 kultur. Der wissenschaftliche Naturalismus ermöglicht den Menschen die Schaffung eines
363 von Metaphysik oder Theologie unberührten und auf den Wissenschaften gründenden ko-
364 härenten Weltbilds.

365 1.Der wissenschaftliche Naturalismus hat sich einer Reihe methodologischer Grundsätze
366 verschrieben. Beim methodologischen Naturalismus müssen alle Hypothesen und Theorien
367 experimentell durch Bezugnahme auf natürliche Ursachen und Ereignisse geprüft werden.
368 Das Vorbringen okkulter Ursachen oder transzendentaler Erklärungen ist nicht zulässig. Die
369 Methoden der Wissenschaft sind nicht unfehlbar. Sie konfrontieren uns nicht mit unverän-
370 derlichen, absoluten Wahrheiten, aber alles in allem genommen sind es die verlässlichsten
371 Methoden, die uns für die Erweiterung unseres Wissens und die Lösung menschlicher Pro-
372 bleme zur Verfügung stehen. An der Umgestaltung der menschlichen Zivilisation waren sie
373 nicht unerheblich beteiligt. Große Teile der Öffentlichkeit erkennen heute den Nutzen der
374 Wissenschaften an. Sie sehen ein, dass sie sich positiv ausgewirkt haben.

375 Leider ist die Anwendung wissenschaftlicher Methoden häufig auf eng abgesteckte Fach-
376 gebiete beschränkt, und die größeren Zusammenhänge zwischen der Wissenschaft und
377 unserer Sicht von der Wirklichkeit werden ignoriert. Die Humanisten verfechten die Mei-
378 nung, dass wir die Methoden der Wissenschaft auf andere Gebiete menschlicher Bemü-
379 hungen ausdehnen müssen und dass es aus diesem Grund keine Beschränkungen für die
380 wissenschaftliche Forschung geben darf, es sei denn, die Forschung würde die Rechte von
381 Personen verletzen. Versuche, unabhängige Untersuchungen aus moralischen, politischen,
382 ideologischen oder religiösen Gründen zu verhindern, sind in der Vergangenheit stets fehl-
383 geschlagen. Die möglichen positiven Ergebnisse aus fortgesetzten wissenschaftlichen Ent-
384 deckungen dürfen nicht unterschätzt werden.

385 2.Die Möglichkeiten, die die Wissenschaften zur Erweiterung unserer Kenntnisse über die
386 Natur und das menschliche Verhalten bieten, sind enorm. Der wissenschaftliche Naturalis-
387 mus ist eine kosmische Weltanschauung, die auf geprüften Hypothesen und Theorien ba-
388 siert. Zur Beschreibung der Wirklichkeit bedient er sich nicht vornehmlich der Religion, der
389 Poesie, der Literatur oder der Künste, obwohl diese wichtiger Ausdruck menschlichen Stre-
390 bens sind. Die wissenschaftlichen Naturalisten sind Anhänger einer Form des nicht redukti-
391 ven Materialismus. Natürliche Prozesse und Ereignisse werden am besten unter Bezugnah-
392 me auf materielle Ursachen dargestellt. Diese Form des Naturalismus lässt Raum für ein
393 pluralistisches Universum. Obwohl die Natur eigentlich auf physikalisch-chemischen
394 Grundlagen beruht, manifestieren sich Abläufe und Gegenständliches auf vielen Beobach-
395 tungsebenen: Atombausteine, Atome und Moleküle; Gene und Zellen; Organismen, Blu-
396 men, Pflanzen und Tiere; psychologisches Wahrnehmungs- und Erkennungsvermögen; ge-
397 sellschaftliche und kulturelle Institutionen; Planeten, Sterne und Galaxien. Auf diese Weise
398 werdenkontextuelle Erklärungen aus Bereichen der Naturkunde, der Biologie sowie der
399 Gesellschaftswissenschaften und der Verhaltensforschung berücksichtigt. Gleichzeitig wird
400 aber auch den verschiedenen moralischen, ästhetischen und anderen kulturellen Aus-
401 drucksformen menschlicher Erfahrung Rechnung getragen.
402 3. Die Naturalisten sind der Ansicht, dass es für spirituelle Auslegungen der Wirklichkeit
403 und das Postulat okkulter Ursachen zu wenig wissenschaftliche Beweise gibt. Klassische
404 transzendentalistische Lehren waren zweifellos von der leidenschaftlichen existentiellen
405 Sehnsucht der Menschen nach der Überwindung des Todes geprägt. Die wissenschaftliche
406 Evolutionstheorie liefert allerdings eine nüchternere Beschreibung von den menschlichen
407 Ursprüngen und basiert auf Beweisen aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Bereiche. Wir
408 kritisieren die häufig von den Massenmedien verkündeten Bemühungen einiger Wissen-
409 schaftler, Naturerscheinungen übernatürlich zu interpretieren. Weder die klassische moder-
410 ne Kosmologie noch der evolutionäre Prozess liefert genügend Beweise für das Vorhanden-
411 sein eines intelligenten Plans. Das hieße also, den Glauben über empirisch gewonnene Be-
412 weise zu stellen. Wir glauben, dass es für die Menschheit an der Zeit ist, ihr eigenes Er-
413 wachsensein anzunehmen, d.h. Wunderglauben und Mythosbildung hinter sich zu lassen,
414 die als Ersatz für nachprüfbares Wissen über die Natur dienen.

415
416

IV. Der Nutzen der Technik

417

418 Die Humanisten haben stets den nützlichen Beitrag der wissenschaftlichen Technologie
419 zum Wohlergehen der Menschen verfochten. Philosophen von Francis Bacon bis John De-
420 wey hoben die zunehmende Beherrschung der Natur durch die Wissenschaften hervor und
421 betonten die praktisch grenzenlose Förderung menschlichen Fortschritts und Glücks durch
422 die Wissenschaft.

423 Bei der Einführung neuer Technologien kam es häufig zu unvorhergesehenen negativen
424 Nebenerscheinungen. Von den Ludditen des 19. bis zu den Postmodernisten des 20. Jahr-
425 hunderts haben Kritiker immer wieder technische Anwendungen beklagt. Die Humanisten
426 haben seit langem erkannt, dass einige technologische Innovationen Probleme verursachen
427 können. Leider werden technische Anwendungen meistens von wirtschaftlichen Erwägun-
428 gen – davon, ob Produkte gewinnbringend sind – oder von ihrem militärischen und politi-
429 schen Nutzen abhängig gemacht. Die unkontrollierte Anwendung der Technologie birgt
430 große Risiken. Massenvernichtungswaffen (thermonuklearer, biologischer und chemischer
431 Art) wurden von der Staatengemeinschaft immer noch nicht wirksam reduziert. Viele
432 Durchbrüche auf den Gebieten der Genetik und der Biologie sowie der medizinischen For-
433 schung (z.B. Biogenetik, Klonen, Organtransplantation usw.) stellen ebenfalls potentielle
434 Gefahren dar, bieten aber gleichzeitig, was die Gesundheit und das Wohlergehen der Men-
435 schen betrifft, enorme Möglichkeiten.

436 1.Die Humanisten wehren sich vehement gegen Bemühungen, die technologische For-
437 schung zu begrenzen oder Forschungsarbeiten von vornherein zu überprüfen bzw. zu be-
438 schränken. Es ist schwierig vorherzusagen, wohin die wissenschaftliche Forschung führen
439 wird oder welchen möglichen Nutzen sie hat. Wir sollten bei der Zensur solcher For-
440 schungsarbeiten behutsam vorgehen.

441 2.Wir glauben, dass die Thematik der technologischen Anwendungen am besten durch
442 sachkundige Diskussionen und nicht durch die Berufung auf absolutistische Dogmen oder
443 emotionsgeladene Schlagwortkampagnen behandelt wird. Jede technologische Innovation
444 muss hinsichtlich ihres potentiellen Risikos und ihres potentiellen Nutzens für die Gesell-
445 schaft und die Umwelt beurteilt werden. Das setzt ein gewisses Maß an wissenschaftlichen
446 Kenntnissen voraus.

447 3.Wir können auf technologische Lösungen nicht verzichten. Die ökonomische und soziale
448 Struktur der heutigen Welt hängt zunehmend von technologischen Innovationen ab. Wenn
449 wir unsere Probleme lösen wollen, so wird das nicht durch die Rückkehr in einen idyllischen
450 Naturzustand sein, sondern durch die Entwicklung neuer Technologien, die menschlichen
451 Bedürfnissen und Zwecken dienen. Diese Entwicklung muss darüber hinaus überlegt und
452 auf humane Art und Weise erfolgen.

453 4.Technologische Innovationen, durch die der Gesamteinfluss des Menschen auf die Um-
454 welt verringert wird, müssen gefördert werden.

455 5.Die Verbreitung von Übergangstechnologien, die für arme Länder erschwinglich sind,
456 muss unterstützt werden, so dass auch sie in den Genuss der technologischen Revolution
457 kommen.

458
459
460

V. Ethik und Vernunft

461
462 Für die humanistische Weltanschauung ist die Realisierung der höchsten ethischen Werte
463 von wesentlicher Bedeutung. Wir glauben, dass die immer umfangreicher werdenden wis-
464 senschaftlichen Kenntnisse es den Menschen ermöglichen, klügere Entscheidungen zu
465 treffen. Auf diese Weise gibt es keine undurchdringliche Mauer zwischen Tatsache und
466 Wert, zwischen sein und sollen. Durch den Gebrauch von Vernunft und Verstand sind wir
467 besser in der Lage, unsere Werte im Licht wissenschaftlicher Beweise und aufgrund ihrer
468 Konsequenzen zu beurteilen.

469 Den Humanisten wurde zu Unrecht vorgeworfen, keine qualifizierten Grundsätze für ethi-
470 sche Verantwortung zu bieten. In der Tat wird den Humanisten oft die Schuld an dem
471 mutmaßlichen Sittenverfall der Gesellschaft gegeben. Diese Behauptung ist völlig falsch.
472 Jahrhundertelang haben Philosophen solide weltliche Grundsätze für humanistisches mora-
473 lisches Handeln aufgestellt. Darüber hinaus haben unzählige Millionen von Humanisten ein
474 vorbildliches Leben geführt, waren verantwortungsbewusste Bürger, zogen ihre Kinder mit
475 liebevoller Fürsorge auf und trugen in nicht unerheblichem Maße zu einer erhöhten Moral
476 in der Gesellschaft bei.

477 Theologische Moraldoktrinen beruhen häufig auf überkommenen, vorwissenschaftlichen
478 Vorstellungen von der Natur und dem Menschen. Aus diesem Vermächtnis lassen sich ein-
479 ander widersprechende Gebote für sittliches Verhalten ableiten, und verschiedene Religio-
480 nen haben in Bezug auf moralische Fragen oft stark voneinander abweichende Ansichten.
481 Theisten und Transzendentalisten waren sowohl für als auch gegen Sklaverei, Klassengesell-
482 schaft, Krieg, Todesstrafe, Frauenrechte und Monogamie. Sektiererische Eiferer haben ein-
483 ander häufig ungestraft abgeschlachtet. Viele schreckliche Kriege der Vergangenheit und
484 Gegenwart gehen auf kompromisslose religiöse Dogmen zurück. Wir verkennen nicht, dass
485 fromme Menschen viel Gutes getan haben, aber wir lehnen die Auffassung ab, dass religiö-
486 se Frömmigkeit die einzige Gewähr für moralisches Denken und Handeln ist.

487 Überall haben sich die Humanisten für die Trennung von Kirche und Staat eingesetzt. Wir
488 sind der Meinung, dass der Staat säkular sein muss, d.h. sich weder für noch gegen Religi-
489 on aussprechen sollte. Aus diesem Grund lehnen wir Theokratien ab, die versuchen, jedem
490 einen bestimmten moralischen oder religiösen Verhaltenskodex aufzuerlegen. Wir glauben,
491 dass der Staat das Nebeneinander einer Vielzahl moralischer Wertvorstellungen zulassen
492 sollte.

493 Die wesentlichen Grundsätze moralischen Verhaltens sind praktisch allen Zivilisationen – ob
494 nun religiös geprägt oder nicht – gemein. Moralische Anlagen sind tief in der Natur des
495 Menschen verwurzelt und haben sich im Laufe seiner Geschichte weiterentwickelt. Die hu-
496 manistische Ethik fordert daher keine Einigkeit in theologischen oder religiösen Prämissen
497 (das werden wir wahrscheinlich nie erreichen), aber sie setzt ethische Entscheidungen letzt-
498 lich in Beziehung zu gemeinsamen menschlichen Interessen, Wünschen, Bedürfnissen und
499 Werten. Wir beurteilen sie hinsichtlich ihrer Konsequenzen für menschliches Glück und so-
500 ziale Gerechtigkeit. Menschen mit unterschiedlichem soziokulturellen Hintergrund wenden
501 tatsächlich ähnliche allgemeine Moralgrundsätze an, auch wenn bestimmte moralische
502 Bewertungen aufgrund verschiedener Bedingungen voneinander abweichen können. Die
503 Herausforderung an die Gesellschaftsordnungen ist daher die Betonung unserer Gleichar-
504 tigkeit und nicht unserer Unterschiede.

505 Welches sind die Grundprinzipien der humanistischen Ethik?

506 1.Würde und Selbstbestimmung des Einzelnen sind der höchste Wert. Die humanistische
507 Ethik hat sich einer größeren Willensfreiheit verschrieben. Diese Willensfreiheit umfasst
508 Meinungs- und Gewissensfreiheit, Freiheit des Denkens und Forschens sowie das Recht auf
509 eine individuell gestaltete Lebensführung, so lange diese anderen nicht schadet. Das ist
510 insbesondere in demokratischen Gesellschaftsordnungen von Bedeutung, in denen es eine
511 Vielzahl alternativer Wertesysteme geben kann. Aus diesem Grund stehen die Humanisten
512 der Verschiedenheit positiv gegenüber.
513 2.Die Verfechtung individueller Selbstbestimmung seitens des Humanismus bedeutet nicht,
514 dass die Humanisten jede Art menschlichen Verhaltens entschuldigen. Auch ist die Tolerie-
515 rung unterschiedlicher Lebensführungen durch die Humanisten nicht mit Einverständnis
516 gleichzusetzen. Die Humanisten betonen, dass das Engagement für eine freie Gesellschaft
517 stets von der Notwendigkeit begleitet sein muss, das Niveau von Geschmack und Wert-
518 schätzung qualitativ anzuheben. Die Humanisten glauben, dass Freiheit verantwortungs-
519 bewusst ausgeübt werden muss. Sie erkennen, dass alle Individuen in Gemeinschaften le-
520 ben und das einige Verhaltenweisen zerstörerisch wirken und falsch sind.
521 3.Humanistische Moralphilosophen haben eine Ethik der Würde vertreten (von Aristoteles
522 und Kant bis zu John Stuart Mill, John Dewey und M. N. Roy). Diese lehrt Zurückhaltung,
523 Maßvollsein und Selbstbeherrschung. Grundzüge dieser Ethikvorstellung sind die Fähigkeit
524 zu eigenverantwortlicher Entscheidung, Kreativität, ästhetisches Verständnis, durchdachte
525 Motivation, Rationalität und die Verpflichtung, seine Begabungen zu verwirklichen. Der
526 Humanismus will das Beste im Menschen zum Vorschein bringen, so dass alle Menschen
527 ein gutes Leben führen können.
528 4.Die Humanisten erkennen unsere Verantwortung und Pflichten gegenüber unseren
529 Mitmenschen, d.h., dass wir andere Menschen nicht bloß als Objekte zur Erfüllung unserer
530 eigenen Bedürfnisse betrachten dürfen, sondern sie wie unseresgleichen behandeln müs-
531 sen. Die Humanisten sind der Ansicht, dass „jedes Individuum menschlich behandelt wer-
532 den muss“. Für sie gilt die goldene Regel, dass „wir andere Menschen so behandeln müs-
533 sen, wie wir selbst behandelt werden wollen“. Darüber hinaus halten sie sich an den alten
534 Kodex, „die Fremden in unserer Mitte zu akzeptieren“ und ihr Anderssein zu respektieren.
535 Aufgrund der Vielzahl an Überzeugungen sind wir alle Fremde (die Freunde sein können) in
536 einer weitgefassten Gemeinschaft.

537 5.Die Humanisten glauben, dass die Tugenden des Einfühlungsvermögens und der Fürsor-
538 ge für ethisches Verhalten wesentlich sind. Daraus ergibt sich, dass wir ein altruistisches
539 Empfinden für die Bedürfnisse und Interessen von anderen entwickeln müssen. Die Eckstei-
540 ne für moralisches Verhalten sind die „überkommenen Gefühle für Sitte und Anstand“, d.h.
541 die allgemeinen moralischen Tugenden, die von vielen Menschen mit verschiedenem kul-
542 turellen und religiösen Hintergrund geteilt werden: Wir müssen die Wahrheit sagen, Ver-
543 sprechen halten, ehrlich, aufrichtig, wohltätig, glaubwürdig und zuverlässig sein, Treue,
544 Wertschätzung und Dankbarkeit zeigen, gerecht und tolerant sein, unsere Unterschiede
545 vernünftig überwinden und versuchen, kooperativ zu sein. Wir dürfen nicht stehlen oder
546 andere Menschen verletzen, verstümmeln oder ihnen schaden. Selbst wenn die Humani-
547 sten die Abkehr von repressiven puritanischen Verhaltenscodizes gefordert haben, so ha-
548 ben sie doch auch die moralische Verantwortung verfochten.

549 6.Ganz oben in der humanistischen Agenda steht die Notwendigkeit, Kinder und junge
550 Menschen moralisch zu bilden, Charakterstärke und Wertschätzung für die überkommenen
551 Anstandsgefühle zu entwickeln sowie den Anstieg der Moral und sittliches Denken zu för-
552 dern.

553 7.Die Humanisten empfehlen, dass wir bei der Festlegung unserer ethischen Ansichten mit
554 Vernunft vorgehen. Sie betonen, dass Erkenntnis bei der Formulierung ethischer Entschei-
555dungen ein wesentlicher Faktor ist. Wir müssen uns auf einen Reflexionsprozess einlassen,
556 wenn wir moralische Dilemmas lösen wollen. Menschliche Werte und Grundsätze können
557 am besten durch gedankliches Forschen rechtfertigt werden. Gibt es Unterschiede, müssen
558 wir diese, wo immer wir können, durch einen rationalen Dialog überwinden.

559 8.Die Humanisten vertreten die Meinung, dass wir uns angesichts der gegenwärtigen Rea-
560 litäten und der künftigen Erwartungen auf die Änderung ethischer Grundsätze und Werte
561 vorbereiten sollten. Wir müssen auf die besten moralischen Erkenntnisse der Vergangenheit
562 zurückgreifen, aber auch neue Lösungen für moralische Dilemmas, ob sie nun alt oder neu
563 sind, entwickeln.

564 So wirdz.B. die Debatte über die Sterbehilfe insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften
565 verstärkt geführt, denn die Medizintechnik ermöglicht es uns heute, todkranke Patienten,
566 die früher wahrscheinlich gestorben wären, am Leben zu erhalten. Die Humanisten sind für
567 einen Tod in Würde und das Recht mündiger Erwachsener eingetreten, medizinische Be-
568 handlung zu verweigern, um unnötiges Leiden zu verkürzen und sogar den Tod schneller
569 herbeizuführen. Darüber hinaus haben sie die Bedeutung der Hospizbewegung für die Er-
570 leichterung des Sterbeprozesses erkannt.

571 Ebenso sollten wir uns darauf vorbereiten, die durch die wissenschaftliche Forschung er-
572 möglichten neuen Reproduktionsverfahren – wie z.B. künstliche Befruchtung, Leihmutter-
573 schaft, Gentechnik, Organtransplantation und Klonen – vernünftig auszuwählen. In diesem
574 Fall können wir auf der Suche nach einer Orientierungshilfe nicht auf die moralischen Im-
575 perative der Vergangenheit zurückgreifen. Wir müssen die eigenverantwortliche Entschei-
576 dung respektieren.

577 9.Die Humanisten argumentieren für den Respekt einer Ethik der Grundsätze, d.h., dass
578 der Zweck nicht die Mittel heiligt. Im Gegenteil, unsere Zwecke werden durch unsere Mittel
579 geformt, und es gibt Grenzen für das Erlaubte. Das gilt vor allem in der heutigen Zeit, im
580 Hinblick auf die tyrannischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, in denen mit nahezu religiö-
581 sem Eifer aufrechterhaltene Ideologien moralische Mittel kompromittierten, um visionäre
582 Ziele zu erreichen. Wir sind uns des schrecklichen Leidens voll bewusst, das Millionen von
583 Menschen durch diejenigen erdulden müssen, die bei der Verfolgung eines angeblich gro-
584 ßen Guten bereit sind, viel Böses in Kauf zu nehmen.
585

VI. Eine allgemeine Verpflichtung gegenüber der gesamten Menschheit

586
587 Von vorrangiger Bedeutung für die internationale Staatengemeinschaft ist heute die Ent-
588 wicklung eines globalen Humanismus, eines Humanismus, der nach der Wahrung der
589 Menschenrechte sowie der Freiheit und der Würde des Menschen strebt, aber auch unsere
590 Verpflichtung gegenüber der gesamten Menschheit betont.

678 Aus diesem Grund muss ein neuer beständiger globaler Humanismus, in dessen Mittel-
679 punkt eine sichere und bessere Welt steht, unsere vorrangige Verpflichtung sein, und wir

680 müssen alles in unseren Kräften stehende tun, um ethisches Engagement anzuregen. Die-
681 ses Engagement muss für alle Menschen unseres Planeten gelten, ob sie nun aus religiösen,
682 naturalistischen,theistischen oder humanistischen Motiven heraus handeln, reich oder arm
683 sind und ungeachtet ihrer Rasse, ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität. Wir müssen
684 unsere Mitmenschen von der Notwendigkeit überzeugen, bei der Herbeiführung eines neu-
685 en globalen Konsenses zusammenzuarbeiten, in dem der Schutz und die Verbesserung der
686 menschlichen Lebensumstände unsere oberste Pflicht sind.

687
688

VII. Eine Globale Charta der Rechte und Pflichten

689

690 Um unserer Verpflichtung für den globalen Humanismus nachzukommen, schlagen wir
691 eine Planetary Bill of Rights and Responsibilities vor, in der sich unser weltweites Engage-
692 ment für das Wohlergehen der gesamten Menschheit manifestiert. Sie schließt die Allge-
693 meine Erklärung der Menschenrechte ein, geht aber aufgrund einiger neuer Bestimmungen
694 noch über diese hinaus. Viele unabhängige Länder haben versucht, diese Bestimmungen
695 innerhalb der eigenen Landesgrenzen zu implementieren, aber die Notwendigkeit einer
696 Globalen Charta der Rechte und Pflichten, die für alle Menschen Geltung hat, wird immer
697 dringender. Ihre Einführung wird nicht einfach sein. Sie ist natürlich von dem Vorhanden-
698 sein ausreichender finanzieller Mittel abhängig.

699 Obwohl die freie Marktwirtschaft ein Motor für wirtschaftliches Wachstum und Entwick-
700 lung ist, ist sie nicht unfehlbar und muss durch eine staatliche Politik ergänzt werden, die
701 das Gemeinwohl im Auge hat. Die zur Durchsetzung der Grundsätze der Charta verwand-
702 ten Mittel werden sich vornehmlich auf den Privatsektor stützen, aber auch der öffentliche
703 Bereich muss eine Rolle spielen. Diese Vorschläge werden zweifellos auf vehementen politi-
704 schen Widerstand stoßen, aber wir müssen zumindest langfristige Ziele setzen, auch wenn
705 sie in bestimmten Teilen der Welt gegenwärtig schwer zu erreichen sind.

706 1.Wir müssen bestrebt sein, Armut und Unterernährung zu beenden und allen Menschen
707 auf der Erde eine angemessene Gesundheitsfürsorge und Obdach zur Verfügung zu stellen.
708 Das bedeutet, dass keinem Menschen ausreichend Nahrung und sauberes Wasser versagt
709 bleiben darf. Darüber hinaus müssen wir unser Bestes tun, um ansteckende Krankheiten
710 auszurotten, für ordnungsgemäße hygienische Verhältnisse zu sorgen und ein Mindestmaß
711 an Unterbringungsmöglichkeiten für jeden zu garantieren. Das ist zwar eine ziemlich
712 schwere Aufgabe, aber aus moralischen Erwägungen heraus ist es notwendig, dass wir
713 diese Arbeit in Angriff nehmen.

714 2.Wir müssen um wirtschaftliche Sicherheit und ein angemessenes Einkommen für jeden
715 bemüht sein, d.h., jeder Mensch muss eine faire Beschäftigungschance erhalten sowie in
716 den Genuss einer Arbeitslosenversicherung und einer Sozialversicherung für den Ruhestand
717 kommen. Es muss Sonderprogramme geben, im Rahmen derer die Fähigkeiten von Behin-
718 derten geschult werden und ihnen bei der Suche nach Arbeit geholfen wird. Grundprämis-
719 se in diesem Zusammenhang ist die Selbsthilfe, d.h., der Einzelne muss von sich aus An-
720 strengungen unternehmen, um genügend Geld zu verdienen. Alles, was die Gesellschaft
721 tun kann, ist, durch die Bereitstellung von privaten oder staatlichen Mitteln Möglichkeiten
722 anzubieten.

723 3.Jeder Mensch muss vor unverantwortlichen und unnötigen Verletzungen und Gefahren
724 sowie dem Tod geschützt werden. Jedes Mitglied der menschlichen Gesellschaft muss vor
725 körperlicher Gewalt, Diebstahl persönlichen Eigentums und Angst aufgrund von Ein-
726 schüchterung (ob von Privatpersonen oder gesellschaftlichen bzw. politischen Institutionen)
727 sicher sein. Jeder Mensch ist vor sexuellem Missbrauch, sexueller Belästigung und Verge-
728 waltigung zu schützen. Geschlechtsverkehr muss auf gegenseitigem Einverständnis beru-
729 hen. Sex mit oder Heirat von Kindern darf unter keinen Umständen erlaubt werden.

730 Die Todesstrafe ist eine unzulässige Form der Vergeltung. Sie muss durch andere abschrek-
731 kende Maßnahmen, z.B. eine lebenslängliche Haftstrafe, ersetzt werden. Die meisten zivili-
732 sierten Staaten haben die Todesstrafe bereits abgeschafft.

733 4. Jeder Mensch muss in einem Familienverband oder einem seinem Einkommen entspre-
734 chenden Haushalt seiner Wahl leben dürfen und hat das Recht, sich fortzupflanzen oder
735 nicht. Jeder Mensch darf seinen Lebenspartner, falls er diesen wünscht, frei wählen sowie
736 seine Familienplanung individuell gestalten. Jeder hat das Recht, seine biologischen bzw.
737 adoptierten Kinder großzuziehen bzw. eine Familie zu haben oder nicht.

738 An diejenigen, die sich für Kinder entscheiden, werden bestimmte Erwartungen gestellt:
739 Eltern müssen ihren Kindern ein sicheres und liebevolles Umfeld geben. Kinder dürfen von
740 ihren Eltern nicht missbraucht werden. Kleine Kinder und Heranwachsende dürfen nicht zu
741 Arbeiten für Erwachsene oder übermäßig anstrengenden Verrichtungen herangezogen
742 werden. Eltern dürfen ihre Kinder nicht vernachlässigen oder ihnen eine angemessene Er-
743 nährung, hygienische Verhältnisse, Obdach, medizinische Fürsorge und Sicherheit verwei-
744 gern.

745 Eltern dürfen ihren Kindern den Zugang zu Bildung, kultureller Bereicherung und geistigen
746 Anregungen nicht verwehren. Obwohl von den Eltern vermittelte sittliche Grundsätze von
747 großer Bedeutung sind, dürfen Eltern nicht einfach ihre eigenen religiösen Anschauungen
748 oder sittlichen Werte auf ihre Kinder übertragen und versuchen, sie zu indoktrinieren. Kin-
749 der, Heranwachsende und junge Erwachsene müssen mit verschiedenen Standpunkten in
750 Kontakt kommen und ermutigt werden, selbständig zu denken. Die Ansichten, auch von
751 kleinen Kindern, müssen respektiert werden.

752 5.Bildung und kulturelle Bereicherung müssen allgemein möglich sein. Jeder Mensch muss
753 die Möglichkeit haben, sein Wissen zu erweitern. Jedem Kind muss von klein auf bis zum
754 jugendlichen Alter ein Mindestmaß an schulischer Ausbildung zugänglich gemacht wer-
755 den. Bildungschancen dagegen müssen allen Altersgruppen offen stehen. Das gilt auch für
756 die Erwachsenenfortbildung. Jeder Mensch muss zumindest Grundkenntnisse im Lesen,
757 Schreiben und Rechnen haben. Erweiterte Kenntnisse sind von Begabung und Fähigkeiten
758 abhängig. Der Zugang zu höheren Schulen hat nach Leistung zu erfolgen. Falls möglich,
759 müssen Stipendien vergeben werden, damit kein qualifizierter Schüler aufgrund finanzieller
760 Not auf Bildungschancen verzichten muss.
761 Allen Kindern müssen einige grundlegende und umsetzbare Kenntnissen vermittelt werden,
762 um ihnen eine spätere Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Dazu gehören Computerkenntnis-
763 se und die Fähigkeit in einer Welt des Handels zu funktionieren. Der Lehrplan muss das
764 Verständnis für wissenschaftliche Forschungsmethoden sowie kritisches Denken fördern.
765 Der unabhängigen Forschung dürfen keine Grenzen gesetzt werden. Innerhalb der schuli-
766 schen Ausbildung müssen die Natur-, Bio- und Gesellschaftswissenschaften näher gebracht
767 werden. Die Evolutionstheorie sowie die Grundzüge der Ökologie sind ebenfalls zu vermit-
768 teln.
769 Die Schüler müssen grundlegende Kenntnisse auf den Gebieten Gesundheit, Ernährung,
770 Hygiene und körperliche Ertüchtigung erlangen, d. h., sie sollen sich einen gewissen Begriff
771 von der wissenschaftlichen Medizin und von der Funktionsweise des menschlichen Körpers
772 machen können. Die Chance auf eine angemessene Sexualerziehung muss schon ganz früh
773 eröffnet werden. Themen dieser Sexualerziehung müssen verantwortliches sexuelles Ver-
774 halten, Familienplanung und Verhütungsmethoden sein.
775 Die Schüler müssen verschiedene kulturelle Traditionen verstehen lernen. Das erfordert ver-
776 gleichendes Studieren von Religionen, Sprachen und Kulturen sowie einen Sinn für künstle-
777 rischen Ausdruck. Die Schüler müssen sich in der Geschichte auskennen, angefangen bei
778 der Geschichte des Landes bzw. der Kultur, in der sie selbst leben, müssen aber auch an-
779 dere Kulturen studieren, so z.B. auch die Geschichte der Weltkulturkreise.
780 Wissen“, d.h. Um-
781 weltbewusstsein, zu fördern. Das Lernen darf nicht auf eng abgesteckte Fachgebiete be-
782 grenzt bleiben, sondern die Bemühungen müssen sich auf die Vermittlung fachübergrei-
783 fender Kenntnisse richten.

784 6.Kein Mensch darf aufgrund seiner Rasse, ethnischen Herkunft, Nationalität, Kultur, Ka-
785 ste, Klasse, Konfession, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert
786 werden. Wir müssen eine neue menschliche Identität entwickeln – die Mitgliedschaft in der
787 globalen Gesellschaft. Diese Identität muss vor allem Anderen Vorrang haben und kann als
788 Basis für die Beendigung von Diskriminierungen dienen. Der Hass auf Rassen, Nationalitä-
789 ten und ethnische Gruppierungen ist unmoralisch. Alle sind Menschen und müssen daher
790 in den Genuss aller zur Verfügung stehenden Privilegien und Möglichkeiten kommen.

791 Das Gegeneinander von Klassen kann eine Ursache für Diskriminierungen sein. Überkom-
792 mene Barrieren, wie z.B. das Kastensystem, haben Millionen von Menschen vom Fortschritt
793 ausgeschlossen. Einige haben versucht, die Kluft zwischen Reich und Arm zu überwinden,
794 indem sie Erstere verarmen ließen, anstatt die Bedingungen für Letztere zu verbessern. An-
795 dere haben die Misere der Armen ignoriert oder versucht, sie in einem Abhängigkeitszu-
796 stand zu halten.

797 Das Recht, zu glauben und seine Religion ohne Diskriminierung auszuüben, muss respek-
798 tiert werden. Entsprechend muss Dissidenten, Agnostikern und Atheisten, deren Einstellung
799 nicht weniger Respekt verdient, die Freiheit eingeräumt werden, keine Religion auszuüben.

800 Geschlechterdiskriminierung darf nicht erlaubt sein. Frauen und Männer sind gleichberech-
801 tigt. Benachteiligungen in Bezug auf Arbeitschancen, Bildung oder kulturelle Betätigung
802 können nicht hingenommen werden. Die Gesellschaft darf Homosexuellen, Bisexuellen,
803 Geschlechtsumgewandelten oder Transsexuellen die Gleichberechtigung nicht absprechen.

804 7.Zivilisierte Gemeinschaften haben sich an den Gleichheitsgrundsatz zu halten, und zwar
805 in vier Hauptbereichen:

806 -Gleichheit vor dem Gesetz: Jeder Mensch hat das Recht auf ein ordnungsgemäßes Ver-
807 fahren und gleichwertigen Rechtsschutz. Für Regierungsbedienstete und Normalbürger
808 müssen dieselben Gesetze gelten. Niemand darf über dem Gesetz stehen. Gesetze dürfen
809 bei Rasse, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Glaube, Geschlecht und Vermögen keinen
810 Unterschied machen.

811 -Gleiche Berücksichtigung: Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde und den gleichen
812 Wert, und es dürfen ihm keine Leistungen und Rechte versagt bleiben, die anderen einge-
813 räumt werden. Dadurch wird der Gesellschaft aber nicht das Recht abgesprochen, Perso-
814 nen, die das Gesetz brechen, Gewalt anwenden oder Verbrechen gegen andere begehen,
815 an diesem Tun zu hindern, sie zu bestrafen oder zu inhaftieren.

816 -Befriedigung grundlegender Bedürfnisse: Menschen können mittellos und ohne eigenes
817 Verschulden unfähig sein, ihre Mindestbedürfnisse an Nahrung, Obdach, Sicherheit, Ge-
818 sundheitsfürsorge, kultureller Bereicherung und Bildung zu befriedigen. In diesem Fall hat
819 die Gesellschaft, falls sie dazu in der Lage ist, die Pflicht, zur Befriedigung möglichst vieler
820 dieser grundlegenden Bedürfnisse beizutragen. Diese Sorge um das Wohlergehen steht mit
821 der Arbeitsfähigkeit in Zusammenhang. Die Gesellschaft darf keine Kultur der Abhängigkeit
822 fördern.

823 -Chancengleichheit: In freien Gesellschaftsordnungen muss es gleiche Entfaltungsmöglich-
824 keiten geben. In einer offenen und freien Gesellschaft müssen Erwachsene und Kinder die

825 Chance erhalten, ihre Interessen und Ambitionen zu verfolgen und ihre 825 einzigartigen
826 Begabungen zum Ausdruck zu bringen.

827 8.Jeder Mensch hat das Recht, selbstbestimmt ein gutes Leben führen zu können, nach
828 Glück zu streben sowie kreative Befriedigung zu erlangen und Muße zu finden, so lange er
829 anderen nicht schadet. Im wesentlichen wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch mit
830 Hilfe der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Mittel die Chance erhalten muss, sich
831 selbst zu verwirklichen, aber diese Selbstverwirklichung hängt von dem Individuum selbst
832 und nicht von der Gesellschaft ab. Glück dagegen ist von dem Einkommen, den finanziel-
833 len Mitteln und der Einstellung des Einzelnen abhängig, und er darf nicht erwarten, dass
834 die Gesellschaft die Mittel zur Befriedigung einer Vielzahl von eigentümlichen Vorlieben
835 und Bestrebungen bereitstellt.

836 9.Jeder Mensch muss die Chance erhalten, einen Kunstsinn zu entwickeln und an den
837 Künsten teilzuhaben. Zu diesen Künsten zählen Literatur, Dichtung, Schauspiel, Bildhauerei,
838 Tanz, Musik und Gesang. Ästhetisches Vorstellungsvermögen und kreative Betätigung kön-
839 nen erheblich zur Lebensbereicherung, Selbstverwirklichung und zum menschlichen Glück
840 beitragen. Die Gesellschaft muss die Künste fördern und unterstützen

842 10. Kein Mensch darf auf ungebührliche Weise daran gehindert werden, eigenverantwort-
843 liche Entscheidungen zu treffen. Dazu zählen Gedanken- und Gewissensfreiheit – uneinge
844 schränkte Glaubensfreiheit, freie Meinungsäußerung und das Recht auf eine selbstbe
845 stimmte Lebensführung, so lange die Rechte anderer Menschen nicht verletzt werden.

846 Das Obenstehende schließt auch das Recht auf Privatsphäre ein: Die Privatsphäre des Ein
847 zelnen muss respektiert werden. Jeder Mensch muss vor in seine Privatsphäre eindringen
848 den politischen und sozialen Zwangsmaßnahmen geschützt werden. Frauen müssen das
849 Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen, d.h., sie können sich für oder gegen
850 Fortpflanzung, Empfängnisverhütung und Abtreibung entscheiden. Paare müssen hinrei
851 chend über Familienplanung informiert werden sowie über die Möglichkeit, von der künst
852 lichen Befruchtung und biogenetischer Beratung Gebrauch zu machen.

853 Erwachsene Menschen müssen ihren Wunschpartner heiraten können, auch wenn er einen
854 anderen rassischen, ethnischen oder religiösen Hintergrund hat oder einer anderen Klasse,
855 Kaste oder Nationalität angehört. Rassenmischung darf nicht verboten werden. Gleichge
856 schlechtliche Paare müssen dieselben Rechte wie heterosexuelle Paare genießen.

857 Leitsatz der Gesundheitsfürsorge müssen auf Informationen basierende Entscheidungen
858 sein. Mündige Personen müssen das Recht haben, sich für oder gegen eine medizinische
859 Behandlung auszusprechen.

860 Jeder Mensch muss Mitglied einer unabhängigen Organisation werden können, um an
861 gemeinsamen Interessen und Aktivitäten teilzuhaben. Die Bildung von Gruppierungen, so
862 lange sie friedliche Absichten verfolgen und nicht gewalttätig sind, muss respektiert wer-
863 den.

864

VIII. Eine neue globale Agenda

865

866 Viele der nach dem 2. Weltkrieg aufgekommenen hohen Ideale, die ihren Niederschlag in
867 Dokumenten wie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fanden, gibt es weltweit
868 nicht mehr. Wenn wir die Zukunft der Menschheit beeinflussen wollen, müssen wir ver-
869 stärkt mit und durch die neuen Machtzentren arbeiten, um Recht und Stabilität zu verbes-
870 sern, Armut zu mildern, Konflikte zu verringern und die Umwelt zu schützen. Angesichts
871 dieser sich ändernden Umstände haben einige Zielsetzungen Priorität erlangt:

872 1.Sicherheit: Bis heute konnte weder das Problem regionaler Konflikte und Kriege gelöst,
873 noch die durch Massenvernichtungswaffen drohende Gefahr beseitigt werden. In den ver-
874 gangenen 50 Jahren haben Gewalttätigkeiten zwischen Volksgruppen sowie Bürgerkriege,
875 was ihre Häufigkeit und den Verlust von Menschenleben angeht, Auseinandersetzungen
876 zwischen Staaten bei weitem übertroffen. Zu derartigen Auseinandersetzungen kommt es
877 stets, wenn sich eine ethnische Gruppe innerhalb eines Staates von der Regierung oder ei-
878 ner anderen Volksgruppe unterdrückt fühlt und ihren Groll mit legalen Mitteln nicht aus-
879 zudrücken können glaubt. Die Charta der Vereinten Nationen untersagt ausdrücklich die
880 Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaates. Aus diesem Grund
881 verfügt die internationale Staatengemeinschaft über keinerlei rechtliche Grundlage bei dem
882 Versuch,Stammesfehden, ethnische Konflikte oder Streitigkeiten zwischen Volksgruppen
883 innerhalb von Landesgrenzen gegen den Willen der in dem betreffenden Land Regierenden
884 zu lösen. Darüber hinaus wird jeder Versuch der internationalen Staatengemeinschaft, der-
885 artige Konflikte gewaltsam zu lösen, wahrscheinlich im UN-Sicherheitsrat an dem Veto ei-
886 nes der betreffenden Regierung freundlich gesinnten ständigen Mitglieds scheitern. Seit
887 dem Ende des Kalten Krieges haben die Vereinigten Staaten, unterstützt von der NATO und
888 den anderen westlichen Mächten, häufig versucht, unter Umgehung der Vereinten Natio-
889 nen und schwerwiegender Untergrabung ihrer Autorität, den Frieden mit gewaltsamen
890 Mitteln herbeizuführen.

891 2.Menschliche Fortentwicklung: Wir fordern mutige und innovative Vorschläge zur welt-
892 weiten Maximierung menschlichen Fortschritts. Die Diskrepanz zwischen den reichen und
893 den unterentwickelten Ländern unseres Planeten bleibt nach wie vor ein drängendes Pro-
894 blem. Die entwickelte Welt kann zur Überwindung dieses Problems beitragen, indem sie
895 Kapital, technische Hilfe und Bildungsberatung zur Verfügung stellt.
896 Die soziale und nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung muss wieder stärker in den Vor-
897 dergrund geschoben werden, denn während die wirtschaftliche Entwicklung nicht immer
898 auch zu sozialer Entwicklung führt, können Direktinvestitionen und soziale Entwicklung die
899 Armut verringern und auf diese Weise die Kaufkraft steigern. Es besteht die Notwendigkeit,
900 Maßnahmen zu unterstützen, die unmittelbar der Gesundheit und dem Wohlergehen der
901 Ärmsten, insbesondere der Frauen und Mädchen, zugute kommen. Darunter fallen auch
902 Bemühungen, die Wachstumsrate der Bevölkerung zunächst zu stabilisieren und dann zu 903 senken.

904 Entwicklungshilfe wurde von den Geberländern oft als Instrument des Imperialismus im
905 Ausland sowie der Außenhandelspolitik betrachtet. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist
906 das Bedürfnis, am Wettbewerb um die Unterstützung der Entwicklungsländer teilzuneh-
907 men, geringer geworden und mit ihm der Umfang der Entwicklungshilfe. Diese Tendenz
908 muss sich wieder umkehren.

909 Wir fordern alle Industrienationen auf, als ersten Schritt die von den Vereinten Nationen für
910 die Entwicklungshilfe in Übersee erstellten Richtlinien zu akzeptieren, nämlich jedes Jahr
911 (bzw. ver-
912 steuern zu lassen), von denen 20 Prozent für die soziale Entwicklung bestimmt sein müs-
913 sen. 20 Prozent des Haushalts für die soziale Entwicklung wiederum müssen auf Hilfelei-
914 stungen für die Bevölkerung entfallen. Diese Hilfeleistungen sind in den kommenden Jah-
915 ren zu verstärken.

916 Mehr Aufmerksamkeit muss auch dem Füllen der Wissenslücke in den ärmsten Ländern,
917 der Schulung und Umschulung von Arbeitslosen, der Schaffung besserer Arbeitsbedingun-
918 gen (insbesondere für Frauen und Unterprivilegierte) und der Zuweisung von mehr Mitteln
919 in den Bereichen Gesundheitsfürsorge, Bildung und kulturelle Bereicherung geschenkt wer-
920 den.

921 Wir empfehlen, dass alle Staaten das Aktionsprogramm von Kairo aus dem Jahr 1994 un-
922 terstützen, um im Bereich der Fortpflanzung eine allgemeine medizinische Versorgung zu
923 gewährleisten und gewisse Rechte einzuräumen, um die Lebensqualität der Ärmsten zu

924 verbessern und um das Weltbevölkerungswachstum zu stabilisieren. Der jährlich im Rah-
925 men des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen herausgegebene Human Deve-
926 lopment Index (HDI; etwa: Entwicklungsstandindex) muss zu einem Maßstab der für jedes
927 Entwicklungsland erbrachten sozialen Leistungen avancieren.

928 Als unmittelbare Empfänger von Entwicklungshilfe gewinnen nichtstaatliche Organisatio-
929 nen in den Entwicklungsländern immer mehr an Bedeutung. Auf diese Weise soll Korrupti-
930 on und bürokratischen Verzögerungen, die in vielen dieser Länder an der Tagesordnung
931 sind, entgegengewirkt werden. Nichtstaatlichen westlichen Einrichtungen kommt als Part-
932 nerorganisationen, durch deren Kanäle die Entwicklungshilfe fließt, eine wichtige Rolle zu.

933 3.Soziale Gerechtigkeit: Im Mittelpunkt der Planetary Bill ofRights and Responsibilities ste-
934 hen Fragen hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit. Versuche, den Einfluss der sozialen Ge-
935 rechtigkeit zurückzudrängen bzw. die geographische oder kulturelle Reichweite sozialer
936 Maßnahmen einzuschränken, müssen bekämpft werden. Die Gültigkeit der Erklärung der
937 Menschenrechte für den privaten Bereich von Heim, Familie und Gemeinschaft muss wie-
938 der betont werden. Wir bestehen nachdrücklich auf der baldigen Ratifizierung aller inter-
939 nationalen Konventionen über die Rechte von Frauen, Kindern, Minderheiten und Einheimi-
940 schen durch alle Staaten.

941 4.Das Wachstum globaler Zusammenhänge: In den vergangenen zwanzig Jahren ist es zu
942 einer wachsenden Konzentration von Macht und Reichtum in den Händen weltweit tätiger
943 Gesellschaften gekommen. Sie haben ohne Zweifel zum Welthandel und zur wirtschaftli-
944 chen Entwicklung beigetragen, aber das internationale Recht konnte nicht früh genug auf
945 die rasch zunehmenden Machtstrukturen in der Weltwirtschaft reagieren. Multinationale
946 Gesellschaften sind heute weitgehend in der Lage, sich bei der Festlegung der Firmenpoli-
947 tik, der Bewegung von Finanzmitteln über Landesgrenzen hinweg und der Verlegung der
948 Produktion in Billiglohnländer über die Wünsche einzelner Regierungen hinwegzusetzen.

949 Diese Handlungsfreiheit wird als für den freien Markt vorteilhaft betrachtet und von Fi-
950 nanzmärkten weltweit unterstützt. Solchen Gesellschaften ist es aber größtenteils auch
951 möglich, durch Verbringen ihrer Gewinne ins Ausland Steuern zu vermeiden. Geldinstitute
952 können Finanzkontrollen umgehen, indem sie ihren Firmensitz in Offshore-Steueroasen
953 errichten, während internationale Mittelübertragungen, die täglich fast eine Billion Dollar
954 betragen, steuerfrei erfolgen. Auch für Wohlhabende gibt es Möglichkeiten, um die Zah-
955 lung ihres gerechten Steueranteils herumzukommen.

956 Alle Vorstöße in diese Richtung führen natürlich zu einer Beeinträchtigung des freien
957 Marktes. Aus diesem Grund würden sie vehement bekämpft werden und wären von vorn
958 zu gewährleisten,
959 dass die Reichen dieser Welt, sowohl Firmen als auch Privatpersonen, ihren gerechten An-
960 teil zahlen, ohne dass der Dynamik der Weltwirtschaft Schaden zugefügt wird.

961 5.Internationales Recht: Die globale Gemeinschaft muss ein internationales Rechtssystem
962 schaffen, das einzelstaatliche Rechte bricht. Wir müssen eine gesetzlose Welt in eine Welt
963 verwandeln, die Gesetze hat, die jeder verstehen und an die jeder sich halten kann.

964 6.Die Umwelt: Wir müssen erkennen, dass der derzeit auf der industrialisierten Nordhalb-
965 kugel praktizierte Lebensstil unhaltbar ist und dass dieser Zustand sich weiter verschlech-
966 tert, denn die wirtschaftliche Entwicklung und der steigende Konsum in den ärmeren Län-
967 dern der Südhalbkugel verstärkt den Druck auf die globale Umwelt. Unkontrollierter Kon-
968 sum belastet die Umwelt bereits in einem nie da gewesenen Maße und bringt diejenigen,
969 die am wenigsten verbrauchen, in doppelte Gefahr. Das Problem besteht in der Anhebung
970 des Verbrauchsniveaus der eine Milliarde zählenden Ärmsten der Armen, denen es sogar an
971 einer richtigen Mahlzeit pro Tag mangelt, und der gleichzeitigen Auferlegung eines be-
972 wussteren Konsumverhaltens, das Umweltschäden verringert.

973 Weltweite Umweltprobleme müssen auf einer globalen Ebene behandelt werden: Verrin-
974 gerung der Umweltverschmutzung (d.h. Rückgang des Ausstoßes von Kohlendioxid und
975 anderen Treibhausgasen); Entwicklung von Alternativkraftstoffen; Aufforstung von abge-
976 tragenen Gebieten; Bekämpfung der Mutterbodenerosion in Kulturlandschaften; Durch-
977 führung umweltfreundlicher Gewerbetätigkeiten; Beschränkung der Hochseefischerei,
978 durch die ganze Fischpopulationen von der Ausrottung bedroht sind; Schutz von gefähr-
979 deten Arten; Zurückschraubung des konsumorientierten aufwendigen Lebensstils und Ver-
980 bot aller Massenvernichtungswaffen. Umweltschutzmaßnahmen haben aus diesem Grund
981 für die Weltbevölkerung oberste Priorität.

982

IX. Die Notwendigkeit neuer globaler Institutionen

983

984 Die drängendste Frage im 21. Jahrhundert ist die, ob die Menschheit globale Institutionen
985 einrichten kann, um diese Probleme anzugehen. Die besten Abhilfemaßnahmen sind meist
986 die auf lokaler, nationaler und regionaler Ebene durch freiwillige, private und öffentliche
987 Bemühungen eingeleiteten. Eine wichtige Strategie ist die Suche nach Lösungen über In-
988 itiativen des freien Marktes. Eine andere ist der Rückgriff auf internationale unabhängige
989 Stiftungen und Organisationen für Weiterbildung und soziale Entwicklung. Wir glauben
990 aber, dass weiterhin die Notwendigkeit besteht, neue globale Institutionen einzurichten,
991 die sich unmittelbar mit den Problemen beschäftigen und sich auf die Bedürfnisse der gan-
992 zen Menschheit konzentrieren.

993 Nach dem zweiten Weltkrieg wurde eine Reihe von internationalen Institutionen, z.B. die
994 Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation, gegründet, um sich dieser Auf-
995 gaben anzunehmen. Leider ist eine große Kluft zwischen der Art und Weise, in der diese
996 Institutionen arbeiten und den Bedürfnissen der neuen globalen Gemeinschaft aufgetreten.
997 Bestehende Einrichtungen müssen aus diesem Grund radikal umgewandelt oder neue In-
998 stitutionen geschaffen werden.

999 Die bestehenden politischen Grenzen in der Welt wurden willkürlich gezogen. Wir müssen
1000 sie überwinden. Wir müssen weiterhin für das Wachstum der Demokratie in den verschie-
1001 denen Staaten der Weltgemeinschaft eintreten, aber wir haben auch die Aufgabe, die län-
1002 derübergreifenden Rechte aller Mitglieder der globalen Gemeinschaft zu vergrößern. Wir
1003 brauchen heute mehr denn je eine weltweite Institution, die die Weltbevölkerung und nicht
1004 Nationalstaaten vertritt.

1005 Die Vereinten Nationen haben, anders als ihr Vorgänger, der Völkerbund, in der Welt eine
1006 wichtige Rolle gespielt, aber es bleibt immer noch so viel zu tun. Um die Probleme auf der
1007 länderübergreifenden Ebene zu lösen und um zu einer weltweiten Entwicklung beizutra-
1008 gen, müssen wir die Vereinten Nationen allmählich, aber gründlich reformieren. Einige die-
1009 ser Reformen werden in Zusatzartikeln für die Charta der Vereinten Nationen bestehen,
1010 andere werden die radikale Veränderung der UN-Struktur nach sich ziehen. Diese Verän-
1011 derungen bedürfen zweifellos der Zustimmung der Mitgliedstaaten. Aber was auch immer
1012 diese Veränderungen bringen mögen, wir müssen die Grundelemente der Vereinten Natio-
1013 nen bewahren, die die Lebensumstände von Millionen Menschen auf unserer Erde so tief-
1014 greifend verbessert haben.

1015 Die wichtigste Veränderung wäre eine größere Effektivität der Vereinten Nationen, indem
1016 sie über die Versammlung souveräner Staaten hinaus in eine Volksversammlung umge-
1017 wandelt würde. Für eine derartige Umwandlung gibt es Beispiele. Dazu zählt auch die Um-
1018 gestaltung der anfänglich in den Vereinigten Staaten bestehenden Konföderation souverä-
1019 ner Staaten in das gegenwärtige föderative System. Wenn wir unsere globalen Probleme
1020 lösen wollen, müssen die Nationalstaaten einen Teil ihrer Souveränität an ein System mit
1021 länderübergreifender Zuständigkeit abtreten. Geschieht das nicht, kann die Welt in eine
1022 Auseinandersetzung zwischen souveränen Staaten hineingezogen werden, deren vorrangi-
1023 ges Interesse der eigenen Souveränität gelten würde. Wir können uns eine derartige Ver-
1024 schwendung von Ressourcen kaum leisten. Die Weltbevölkerung hat etwas Besseres ver-
1025 dient. Ein derartiges länderübergreifendes System würde zweifellos überall auf den Wider-
1026 stand von führenden Politikern treffen, insbesondere von nationalistischen Chauvinisten.
1027 Aber so ein System könnte entstehen – und Erfolg haben – wenn wir für einen globalen
1028 ethischen Konsens arbeiten.

1029 Jedes neue länderübergreifende System muss demokratisch sein und hätte
1029 eingeschränkte Befugnisse.
1030 Für die unabhängigen Staaten und Gebiete in der Welt gäbe es größere Autonomie,
1031 Dezentralisierung und Freiheit. Darüber hinaus müsste es als Schutz gegen willkürliche
1032 Machtausübung ein Kontroll- und Ausgleichssystem geben. Die länderübergreifende
1033 Instanz würde sich vornehmlich mit Fragen beschäftigen, die nur auf globaler Ebene gelöst
1034 werden können, z.B. die Sicherheit, die Verteidigung der Menschenrechte, die wirtschaftli-
1035 che und soziale Entwicklung sowie der Schutz der globalen Umwelt. Wenn diese Ziele er-
1036 reicht werden sollen, bieten wir die folgenden Reformen an, die auf den Strukturen der
1037 Vereinten Nationen fußen:

1038 1.Die Welt bedarf irgendwann eines wirksamen Weltparlaments (und von der Bevölkerung
1039 ausgehender Wahlen zu diesem Parlament), das die Völker und nicht ihre Regierungen re-
1040 präsentiert. Die Idee eines Weltparlaments lehnt sich an die des Europäischen Parlaments
1041 an, das noch in den Kinderschuhen steckt. Die gegenwärtige UN-Vollversammlung ist eine
1042 Versammlung von Staaten. Das neue Weltparlament würde legislative Richtlinien auf de-
1043 mokratische Weise verabschieden. Vielleicht ist ein aus zwei Kammern bestehendes Ge-
1044 setzgebungsorgan, das sowohl über ein Volksparlament als auch über eine Vollversamm-
1045 lung von Staaten verfügt, am ehesten denkbar. Die detaillierte formale Struktur kann nur
1046 durch einen Chartaprüfkonvent erarbeitet werden, der unserer Meinung nach einberufen
1047 werden sollte, um eingehend zu untersuchen, wie die Vereinten Nationen gestärkt
1048 und/oder durch ein parlamentarisches System ergänzt werden können.

1049 2.Die Welt braucht ein wirksames Sicherheitssystem, um militärische Auseinandersetzun-
1050 gen, die den Frieden bedrohen, zu lösen. Zur Erreichung dieses Ziels müssen wir die Charta
1051 der Vereinten Nationen ändern. Daher muss das Vetorecht der großen Fünf im Sicherheits-
1052 rat aufgehoben werden. Es besteht aufgrund von historischen Umständen am Ende des
1053 zweiten Weltkriegs, die heute keine Bedeutung mehr haben. Das Grundprinzip für Weltsi-
1054 cherheit ist, dass kein Einzelstaat oder ein Staatenbündnis das Recht hat, die politische und
1055 hoheitliche Integrität anderer Staaten durch einen Angriff zu untergraben; darüber hinaus
1056 darf es keinem Staat oder einer Gruppe von Staaten erlaubt sein, ohne Einverständnis des
1057 Sicherheitsrats Weltpolizei zu spielen oder einseitig andere Staaten zu bombardieren. Die
1058 Welt benötigt effektive Polizeikräfte, um Gebiete auf der Erde vor Konflikten zu schützen
1059 und um friedliche Beilegungen auszuhandeln. Wir empfehlen, dass im von der Vollver-
1060 sammlung und dem Weltparlament gewählten UN-Sicherheitsrat für die Durchführung von
1061 Sicherheitsmaßnahmen eine Dreiviertelmehrheit erforderlich sein muss. Vorausgesetzt, es
1062 bliebe bei den derzeit 15 Mitgliedern im Rat, hieße das, dass keine Maßnahmen ergriffen
1063 werden könnten, wenn vier oder mehr Mitglieder sich dagegen aussprechen.

1064 3.Wir müssen einen wirksamen Weltgerichtshof und eine effektiv arbeitende internatio-
1065 nale Justiz einrichten, die über genügend Befugnisse zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse
1066 verfügen müssen. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag bewegt sich bereits in diese
1067 Richtung. Der Gerichtshof wird das Recht haben, über Menschenrechtsverletzungen, Völ-
1068 kermord und länderübergreifende Verbrechen zu verhandeln sowie über internationale
1069 Streitigkeiten zu entscheiden. Es ist wichtig, dass die Staaten, die seine Autorität bis jetzt
1070 noch nicht anerkennen, davon überzeugt werden, es zu tun.

1071 4.Die Welt braucht eine weltweite Umweltkontrollbehörde auf länderübergreifender Ebe-
1072 ne. Wir empfehlen die Stärkung bestehender UN-Behörden und -Programme, die sich am
1073 unmittelbarsten mit der Umwelt beschäftigen. Das Umweltprogramm der Vereinten Natio-
1074 nen muss z.B. ermächtigt werden, Maßnahmen gegen schwerwiegende Umweltver-
1075 schmutzungen durchzusetzen. Dem UN-Bevölkerungsfonds müssen ausreichend Geldmittel
1076 zur Verfügung gestellt werden, um weltweit noch immer erforderliche Empfängnisverhü
1077 tungsmaßnahmen durchführen zu können und folglich zur Stabilisierung
1077 des Bevölke-
1078 rungswachstums beizutragen. Sollten sich diese Behörden als unfähig erweisen, mit den
1079 massiven Problemen fertig zu werden, muss eine überzeugendere Behörde eingesetzt
1080 werden.

1081 5.Wir empfehlen ein internationales Steuersystem, um die unterentwickelten Länder der
1082 Erde zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, durch die Kräfte des Marktes nicht erfüllte
1083 soziale Bedürfnisse zu verwirklichen. Wir würden mit einer Besteuerung des Bruttoinland-
1084 sproduktsaller Staaten beginnen, deren Einnahmen für wirtschaftliche und soziale Hilfe
1085 sowie Entwicklung verwendet werden sollen. Dabei würde es sich nicht um einen freiwilli-
1086 gen Beitrag, sondern um eine tatsächliche Steuer handeln. Die bestehenden wichtigen UN-
1087 Behörden würden durch die aufgebrachten Geldmittel finanziert werden. Zu diesen Behör-
1088 den zählen die UNESCO, die UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation, die Weltbank, der
1089 Internationale Währungsfonds und andere Organisationen.

1090 Es bedarf einer breiten internationalen Zustimmung zur Steuerreform, um sicherzustellen,
1091 dass multinationale Gesellschaften ihren gerechten Anteil an der weltweiten Steuerbela-
1092 stung tragen. Gemeinnützige Stiftungen für menschliche und soziale Fortentwicklung müs-
1093 sen Steuerermäßigungen erhalten. Die Besteuerung von internationalen Mittelübertragun-
1094 gen muss ernsthaft in Betracht gezogen werden, um sonst nicht besteuerte Gelder zu be-
1095 steuern und um bei der Finanzierung sozialer Fortentwicklung in den ärmsten Ländern zu
1096 helfen. Viele Mitgliedstaaten weigern sich, ihre Beiträge an die Vereinten Nationen zu ent-
1097 richten. Diese Staaten müssen gerügt und mit härteren Maßnahmen, z.B. mit Sanktionen,
1098 belegt werden. Der selektive Erlass drückender Schulden für arme und zahlungsunfähige
1099 Länder muss durch diese Gelder finanziert werden.

1100 6. Bei der Einrichtung globaler Institutionen muss auf Verfahren zur Regulierung von multi-
1101 nationalen Gesellschaften und Staatsmonopolen geachtet werden. Das geht über beste-
1102 hende UN-Mandate hinaus. Wir müssen freie Marktwirtschaftssysteme fördern, aber wir
1103 können nicht die weltweiten Bedürfnisse der gesamten Menschheit ignorieren. Werden sie
1104 nicht kontrolliert, ist davon auszugehen, dass Megagesellschaften und -monopole die
1105 Menschenrechte, die Umwelt und den Wohlstand bestimmter Gebiete der Erde beein-
1106 trächtigen werden. Extreme Diskrepanzen zwischen den reichen und den unterentwickelten
1107 Ländern unseres Planeten können nicht nur durch die Förderung der Selbsthilfe überwun-
1108 den werden, sondern auch durch die Nutzbarmachung des in der Welt vorhandenen Ver-
1109 mögens zur Bereitstellung von Kapital, technischer Unterstützung und Bildungshilfen für
1110 wirtschaftliche und soziale Fortentwicklung.

1111 7.Wir müssen den Ideenreichtum fördern, die Meinungsvielfalt respektieren und an dem
1112 Recht auf eine abweichende Meinung festhalten. Es besteht eine besonders dringende
1113 Notwendigkeit, der Steuerung der Kommunikationsmedien durch nationale Regierungen,
1114 mächtige wirtschaftliche Interessen oder globale Institutionen zu widerstehen. Diktaturen
1115 haben die Medien unter Leugnung alternativer Standpunkte zu Propagandazwecken ver-
1116 wendet. Die Massenmedien in kapitalistischen Gesellschaftssystemen werden häufig oligo-
1117 polistisch gesteuert. Diese Medien leisten oft dem kleinsten gemeinsamen Nenner Vor-
1118 schub, um Quoten zu steigern. Fakten wird durch die unkritische Akzeptanz jedweden
1119 New-Age-Schwindels keine Beachtung geschenkt, während Berichten über Wunder mehr
1120 Sendezeit als dem jüngsten wissenschaftlichen Durchbruch gewidmet wird. Viele Medien –
1121 Fernsehen, Rundfunk, Film und Verlagswesen – fühlen sich anscheinend kaum verpflichtet,
1122 sachliche oder bildungsrelevante Inhalte zu liefern.

1123 Wir stehen jeder Form von Zensur, ob nun durch Regierungen, Werbefirmen oder Medien-
1125 gefördert
1126 werden, und allen Bestrebungen hinsichtlich Monopol und oligarchischer Kontrolle muss
1127 entgegengewirkt werden. Es müssen auf einer breiten Front freiwillige Bewegungen zur
1128 Überwachung der Medien und zur Publizierung ihrer eklatantesten Übertreibungen geför-
1129 dert werden. Es ist ganz besonders erforderlich, einen offenen Zugang zu den Massenme-
1130 dien zu haben. Das bedeutet, dass weder mächtige globale Medienoligopole noch Natio-
1131 nalstaaten die Medien beherrschen dürfen. Wir müssen eine weltweite demokratische Be-
1132 wegung ins Leben rufen, um kulturelle Vielfalt und Bereicherung sowie die Lieferung und
1133 das Aufgreifen von Ideen zu ermöglichen.

1134

X. Optimismus hinsichtlich der Zukunftsaussichten für die Menschheit

1135

1136 Abschließend lässt sich sagen, dass es für uns als Mitglieder der menschlichen Gemein-
1137 schaft auf diesem Planeten vielleicht am wichtigsten ist, hinsichtlich der Zukunftsaussichten
1138 für die Menschheit optimistisch zu sein. Obwohl viele Probleme scheinbar nicht zu hand-
1139 haben sind, haben wir gute Gründe zu glauben, dass wir unsere besten Fähigkeiten zu ih-
1140 rer Lösung einsetzen können und dass durch guten Willen und Hingabe ein besseres Leben
1141 für immer mehr Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft erreichbar ist.

1142 Der globale Humanismus hält große Versprechungen für die Menschheit bereit. Wir
1143 möchten ein Gefühl für das Wunderbare und Aufregende an den potentiellen Möglichkei-
1144 ten kultivieren, um ein erfülltes Leben für uns selbst und die noch kommenden Generatio-
1145 nen zu verwirklichen. Ideale sind Voraussetzungen für die Zukunft. Wir werden nicht er-
1146 folgreich sein, wenn wir uns nicht für den Erfolg entscheiden, und wir werden uns nicht
1147 dafür entscheiden, wenn wir nicht darauf vertrauen, erfolgreich zu sein. Jeglicher von uns
1148 geschürter Optimismus muss auf einer realistischen Einschätzung des tatsächlich Erreich-
1149 baren beruhen, aber wir müssen durch den Glauben motiviert werden, dass wir Widrigkei-
1150 ten überwinden können.

1151 Der globale Humanismus lehnt nihilistische Weltuntergangsphilosophien ab sowie Philoso-
1152 phien, die zur Aufgabe von Vernunft und Freiheit raten, die von Furcht und bösen Vorah-
1153 nungen durchzogen sind und die von apokalyptischen Harmageddon-Szenarios besessen
1154 sind. Die menschliche Rasse stand schon immer vor Herausforderungen. Das ist die Endlos-
1155 saga unseres globalen Abenteuers. Als Humanisten drängen wir heute – wie auch in der
1156 Vergangenheit – darauf, dass die Menschen nicht über ihren Horizont hinaus nach Heilung
1157 suchen.

1158 Wir allein sind für unser eigenes Schicksal verantwortlich, und das Beste, was wir tun kön-
1159 nen, ist, unsere Intelligenz, unseren Mut und unsere Leidenschaft zusammenzunehmen,
1160 um unser höchstes Streben zu verwirklichen. Wir glauben, dass ein gutes Leben für jedes
1161 Mitglied der globalen Gesellschaft der Zukunft möglich ist. Das Leben kann für diejenigen
1162 einen Sinn haben, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die kooperativen
1163 Anstrengungen zu unternehmen, die zur Erfüllung des Zukunftsversprechens erforderlich
1164 sind.

1165 Wir können und müssen bei der Schaffung der neuen Welt von morgen helfen. Die Zukunft
1166 kann gut und überreich sein, und sie kann neue, wagemutige und aufregende Perspektiven
1167 eröffnen. Der globale Humanismus kann in erheblichem Maße zur Entwicklung der positi-
1168 ven Einstellungen beitragen, die so notwendig sind, wenn wir die einmaligen Gelegenhei-
1169 ten, realisieren wollen, die im dritten Jahrtausend und darüber hinaus auf die Menschheit
1170 warten.

1171 Diejenigen, die dieses Dokument unterzeichnen, streben ernsthaft nach einer Partnerschaft
1172 mit den verschiedenen Weltkulturen, einschließlich der größten religiösen Traditionen der
1173 Welt. Wir glauben, dass es dringend an der Zeit ist, sich um eine gemeinsame Basis zu be-
1174 mühen und gemeinsame Werte zu suchen. Wir müssen eine anhaltende Mentalität des
1175 Gebens und Nehmens an den Tag legen – nicht nur gegenüber denen, die mit uns überein-
1176 stimmen, sondern auch gegenüber jenen, die vielleicht anderer Meinung sind. Inmitten
1177 unserer Vielfalt und der Pluralität unserer Traditionen müssen wir erkennen, dass wir alle
1178 Teil einer großen Menschenfamilie sind, die sich einen gemeinsamen Lebensbereich teilt.

1179 Gerade der Erfolg unserer Spezies gefährdet nun die Zukunft der menschlichen Existenz.

1180 Wir allein sind für unser gemeinsames Schicksal verantwortlich. Das Lösen unserer Proble-
1181 me erfordert die Zusammenarbeit und die Weisheit aller Mitglieder der Weltgemeinschaft.
1182 Es liegt in der Macht jedes einzelnen Menschen, einen Unterschied zu machen. Die globale

1183 Gemeinschaft gehört uns, und jeder von uns kann dazu beitragen, dass sie gedeiht. Die
1184 Zukunft steht uns offen. Wir müssen entscheiden. Zusammen können wir die edelsten Ziele
1185 und Ideale der Menschheit verwirklichen.

1186

1187 Diejenigen, die das Humanistische Manifest III unterzeichnen, stimmen nicht unbedingt mit
1188 allen seinen Bestimmungen überein. Wir akzeptieren allerdings seine wichtigsten Grundsät-
1189 ze und bieten es als Beitrag zu einem konstruktiven Dialog an. Wir laden andere Männer
1190 und Frauen, die verschiedene Traditionen repräsentieren, ein, sich uns bei der Arbeit für
1191 eine bessere Welt in der nun entstehenden globalen Gesellschaft anzuschließen.

1192
1193
1194 Copyright © by the International Academy of Humanism, PO Box 664, Amherst NY 14226- 1195 0664, U.S.A.
1196

1197 Die ersten Unterzeichner des Humanist Manifesto III – A Call for a New Planetary Huma-
1198 nism kommen aus 28 Ländern. Neun sind Nobelpreisträger. Erstunterzeichner sind Paul
1199 Kurtz, Richard Dawkins, Edward O. Wilson, Sir Arthur C. Clarke, Steve Allen, Richard Lea-
1200 key, Paul D. Boyer,Sir Harold W. Kroto, Taslima Nasrin, Ferid Murad, Baruj Benaceraff,
1201 Jean-Marie Lehn, José Saramago, Alan Cranston, Dobrica Cosic, Etienne Baulieu, Jens C.
1202 Skou,Jill Tarter, Mario Molina, Herbert A. Hauptman sowie weitere 103 Personen. Diese
1203 Liste und das Manifest sind dokumentiert in free inquiry, Ausgabe Herbst 1999.

1204

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Ein Kommentar zu “Humanismus Manifest III

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